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DOK Hoffen auf ein neues Organ

Filmautor Mitja Rietbrock begleitet seit mehreren Jahren einen Freund und dessen Leben mit einer transplantierten Lunge. Für «SRF DOK» hat er die RTS-Produktion «Geschichten aus dem Transplantationszentrum Genf» bearbeitet. Er beschreibt, warum ihn der zweiteilige Dokfilm persönlich so berührt hat.

Transportbox für Organe
Legende: Transportbox für Organe Swisstransplant

Die Hoffnung ist da. Immer. Das gilt auch und ganz besonders für Menschen, deren einzige Chance auf Weiterleben ein Spenderorgan ist. Das wird in der zweiteiligen Dokumentation «Chance auf ein zweites Leben – Geschichten aus dem Transplantionszentrum Genf» deutlich. Die Arbeit an diesem Film hat mich persönlich sehr berührt, durchlebt doch einer meiner besten Freunde* seit mehreren Jahren die Höhen und Tiefen eines Lebens mit einer Spenderlunge. Höhen und Tiefen, durch die ich ihn begleite.

Da waren die ersten Anzeichen. Immer häufigere kurze Pausen beim Wandern. Weniger Ausdauer beim Sport. Und das ständige Husten. Eigentlich war es mir gar nicht aufgefallen. Erst rückblickend habe ich die Anzeichen erkannt. Nach unserem Gespräch im Sommer vor drei Jahren. «Ich werde eine neue Lunge brauchen», sagte mir mein Freund. Lungenfibrose. Vermutlich eine Erbkrankheit. Die Lunge entzündet sich und verschleimt mit der Zeit immer mehr. Meist kommt es zusätzlich zu schlimmen Infektionen, die den Absturz beschleunigen. Auf lange Sicht droht Tod durch Ersticken. Ganz langsam. Unausweichlich.

Die Ärzte gaben ihm noch ein halbes Jahr. Er kam auf die Liste für ein neues Organ. Die Spenderlunge. Hoffnung auf ein zweites Leben. Ein Leben, in dem Atmen Normalität und kein Luxus ist. Ein Leben, in dem nicht jeder schwächer werdende Atemzug daran erinnert, dass der Tod eine Realität ist. Eine Realität in spätestens sechs Monaten.

Legende: Video Schwierige Entscheidungen auch für die Ärzte abspielen. Laufzeit 2:17 Minuten.
Vom 20.05.2016.

Entscheidung über Leben und Tod

Sechs Monate. Die durchschnittliche Wartezeit auf eine Spenderlunge beträgt eineinhalb Jahre. Immerhin, mein Freund hat es ganz nach oben auf die Warteliste geschafft. Eine Warteliste, die von den Ärzten in langen Diskussionen immer wieder neu zusammengestellt wird. Es gibt nicht genügend Spenderorgane. Also müssen die Ärzte über Leben und Tod entscheiden. Wer auf die Liste kommt. Und wer nicht. Eine Entscheidung, die auch zwischen ihnen tiefe Gräben aufwerfen kann.

Mein Freund trägt inzwischen permanent eine Sauerstoffflasche bei sich. In einem Rucksack. Er schafft es nicht mehr, einen Kinofilm zu schauen, ohne immer wieder möglichst unauffällig den kleinen weissen Schlauch aus einer Öffnung des Rucksacks in die Nase einzuführen. Lange Gespräche. Was ist, wenn kein Spenderorgan gefunden wird? Was, wenn es Komplikationen bei der Operation gibt? Lange Wochen der Unsicherheit. Immer mehr Sauerstoff fliesst direkt aus der Sauerstoffflasche in seinen Körper. Die Lunge schafft immer weniger.

Die gute Nachricht

«Sie haben eine Lunge für mich.» Mein Freund weint am Telefon. Vor Freude. Vor Angst. Der Austausch einer Lunge gehört zu den schwierigsten Transplantationen. Das neue Leben ist da. Die Hoffnung wird konkret. Noch befindet sich das Organ in einem anderen Körper. Im Körper eines Unbekannten, dessen Leben vor wenigen Stunden ein Ende fand. «Ich muss auflegen», sagt er, «sie kommen mich holen.»

Wenige Tage später. Mein Freund hat eine neue Lunge. Die Operation sei gut verlaufen, sagen die Ärzte. Bis ich ihn besuchen darf, wird es noch einige Wochen dauern. Dann sehe ich ihn. Mit Mundschutz gegen Keime. Ich bin für ihn Freund und Gefahr in einem. Er lächelt. Und er atmet. Tief. Ohne Husten. Und er lächelt erneut. «Es ist so wunderbar, wieder atmen zu können», sagt er und seine Augen strahlen. Noch tut alles weh. Doch es geht aufwärts.

Wir hatten uns ein Ziel gesetzt, vor der Transplantation. Gemeinsam wollten wir eine neue Sportart erlernen, wenn alles gut geht. Ein Ziel haben. Jetzt tun wir es. Jede Woche. Nach einem halben Jahr spielen wir gemeinsam Tennis. Anfängertennis. Er rennt. Und er schlägt mich. Nicht immer, aber meistens. Dann freuen wir uns beide.

Der Rückschlag

Alles ist gut. Bis er sich zwei Jahre nach der Transplantation einen schweren Infekt einfängt. Aus der kurzen Untersuchung im Krankenhaus werden fünf Wochen. Das Lungenvolumen nimmt ab, sein Körper scheint das fremde Organ abzustossen. Zunächst hat er noch Hoffnung. Dass sich alles wieder einrenkt. Alles wieder gut wird. Doch diese Hoffnung nimmt gleichzeitig mit dem sinkenden Lungenvolumen ab. Nach wenigen Wochen bekommt er schlechter Luft als vor der Transplantation. Die Ärzte sind ratlos.

Mein Freund steht wieder auf der Liste. Die Ärzte raten zu einer zweiten Transplantation. Die alten Ängste kommen hoch. Erinnerungen an die Schmerzen, an den leidvollen Weg zurück ins Leben. An Mut, Hoffnung, Zweifel und Verzweiflung. Wir beginnen, Pläne zu schmieden für das Danach. Das neue Danach. Vielleicht wieder eine neue Sportart. Denn die Hoffnung ist da. Immer.

*Name der Redaktion bekannt

«DOK» berichtete 2011 über Organmangel und Transplantationen in der Schweiz im Film «Warten auf das zweite Leben».

Legende: Video DOK: Warten auf das zweite Leben abspielen. Laufzeit 53:00 Minuten.
Aus DOK vom 07.04.2011.

Zum Autor

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Mitja Rietbrock arbeitet seit 2012 als Reporter und Produzent im Team von «DOK-Serien». Gleichzeitig bildet er Videojournalisten bei SRF aus.

«DOK» am Freitag

3 Kommentare

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  • Kommentar von Tina Müller, Bern
    Anspruchsmentalität. Alles haben. Immer mehr. Verdrängung. Habgier. Dankbarkeit? Ein Recht auf ein neues Organ? Organ-Shopping. Bezahlen sollen wie immer die anderen. Sinnvoll? Danach fragt keiner. Alles, was machbar ist, wird gemacht. Koste es, was es wolle. Und es kostet viel. Und ist wenig sinnvoll. Am meisten nützen die Operationen dem Spital und den Angestellten. Prestige. Wettrennen. Best of. Money. Ich habe meinen Organspendeausweis während der letzten grossen Kampagne annulliert.
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  • Kommentar von M. L., Montlingen
    Ich persönlich (Dipl. Pflegefachfrau) empfand diesen Beitrag als nicht förderlich für den Ruf der Organspende. Als erstes hat mich die extrem undankbare und teilweise unverschämte Ausdrucksweise des deutschen Organempfängers sehr gestört. Da wird sich so manch Einer überlegen überhaupt einen Ausweis anzuschaffen,wenn dessen Organe so wenig geschätzt werden. Der zweite Punkt ist,die sehr wertende Ausdrucksweise der Ärzte und des Pflegepersonals gegenüber der Patienten.
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  • Kommentar von gianni python, wabern
    hoffen auf ein Organ: ich kenne diese situation bestens! sechs jahre schwer krank, davon die letzten 18 monate auf ein organ gewartet. zwischenzeitlich ein kunstharz erhalten als zwischen lösung. ging mich recht gut damit und seit 8 monate erhielt ich ein spenderherz! mir geht es im moment sehr gut damit! ein grosses dankeschön meinem spender/spenderin gianni
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