Hyperaktive Kinder – Modeerscheinung oder Warnsignal?

Hyperaktive Kinder – Modeerscheinung oder Warnsignal?

Kilian ist 9 Jahre alt und immer ein bisschen nervös, Celine ist 14 Jahre alt und kann sich schlecht konzentrieren, Dominik ist 12 Jahre alt und der klassische Aussenseiter. Bei allen drei wurde ADHS diagnostiziert.

Ein Film von Michèle Sauvain

Das sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) und die häufig damit verbundene medikamentöse Behandlung machen Schlagzeilen. Die Verschreibung des Medikaments Ritalin nimmt zu in der Schweiz. Sind unsere Kinder wirklich krank oder ist es vielleicht auch unsere Gesellschaft? DOK sucht nach Antworten und begleitet die drei Kinder durch ihren manchmal sehr mühevollen Alltag. Dr. Urs Hunziker, Chefarzt am Kantonsspital Winterthur und Dr. Meinrad Ryffel, praktizierender Kinderarzt, beides ADHS-Spezialisten, räumen auf mit Vorurteilen und bringen Klarheit in die sehr polarisierte Diskussion.

Kilian (9) machte von Anfang an Schwierigkeiten und eckte schon als Kleinkind überall an. Die klassischen Kinderspielplatzsituationen in der Wohnsiedlung waren für die Mutter ein Drama. Darum sind seine Eltern mit ihm auf einen Bauernhof aufs Land gezogen. In seiner Nervosität schlägt Kilian auch schnell mal drein, das bringt ihm viel Ärger mit seinen Klassenkameraden ein. Zudem läuft‘s in der Schule nicht gut. Kilian ist jetzt in der 2. Klasse und wird integrativ sondergeschult, trotzdem kann er dem Schulstoff kaum folgen. Seit 3 Jahren hat er die Diagnose ADHS und bekommt eine hohe Dosis Ritalin. Seine Eltern tun zusätzlich alles Erdenkliche, um Kilian zu helfen. Er hat zu Hause sehr klare Strukturen, ist viel in der Natur und besucht eine Therapie. Auch von der Kinderärztin wird er eng begleitet. Aber alles scheint nicht viel zu nützen. Nach dem Übertritt in die 3. Klasse wird der Druck einfach zu gross.

Celine (14) hat ihre Situation heute gut im Griff. Auch sie war schwierig als Kleinkind. Nach dem Schuleintritt spitzte sich die Situation dramatisch zu. Celine war in der Schule unkonzentriert, setzte sich enorm unter Druck und wurde immer frustrierter. Ihre Wut liess sie zuhause aus. In der 1. Klasse bekam auch sie die Diagnose ADHS. Ihre Eltern unternahmen ebenfalls alles Mögliche, um ihrem Kind zu helfen. Sie machten Elternkurse, schlossen sich der Selbsthilfegruppe ELPOS an, stellten ihren Rhythmus und ihr Familienleben um und zogen an einen anderen Ort. Als sich die Schwierigkeiten zuhause dennoch weiter zuspitzten und eine Fremdplatzierung zur Diskussion stand, entschieden sich Celines Eltern für einen Versuch mit Ritalin. Celine reagierte gut auf die medikamentöse Behandlung und hat in der Zwischenzeit die SekA geschafft. Die Situation zuhause hat sich beruhigt. Aber immer wenn das Absetzten des Ritalins zur Diskussion steht, gibt’s Konflikte. Die Eltern wären dafür, Celine hat Angst, den Schuldruck ohne Medikament nicht meistern zu können.

Auch bei Dominik (12) begannen die Probleme mit dem Schuleintritt. Bis dahin war er ein lebhaftes, fröhliches Kind. In der Schule wurde er schnell zum Aussenseiter und fand keine Freunde, zudem litt auch er unter Konzentrationsschwierigkeiten. Seinen Frust liess er zuhause und vor allem an seinem jüngeren Bruder aus. Auch er erhielt vor 2 Jahren die Diagnose ADHS, allerdings in schwacher Ausprägung. Trotzdem versuchten es die Eltern ebenfalls mit Ritalin. Dominiks Leistungen in der Schule wurden besser, aber er blieb ein Aussenseiter und die Konflikte zuhause nahmen weiter zu. Die Eltern suchten weiter und stiessen auf ein Angebot der ritalinkritischen deutschen Sinnstiftung. Diese bietet ADHS-Kindern eine Auszeit auf der Alp an. Für Dominik bedeutete dieses Erlebnis ein Wendepunkt in seinem Leben. Zum ersten Mal fand er Freunde und interessanterweise war er nachher in der Schule, als er von seinen Erlebnissen auf der Alp erzählte, auch besser integriert. Ritalin nimmt er keines mehr. Die schulischen Leistungen sind zwar wieder zurückgegangen, aber das nehmen seine Eltern in Kauf.

Drei ganz verschiedene Kinder aus drei intakten Schweizer Familien in unterschiedlichen Lebenssituationen, aber alle mit der gleichen Diagnose: ADHS.

Was ist denn ADHS oder das sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom überhaupt? Wie wirkt es sich aus und wo fängt es an und wo hört es auf? Warum ist es heute so im Gespräch? Wächst die Zahl der Betroffenen oder wird ADHS heute schneller diagnostiziert? Wenn ja, warum und was hat das mit dem zunehmenden Druck in unserer Gesellschaft zu tun? Und natürlich auch die Frage nach der medikamentösen Behandlung, die ja sehr umstritten ist: Wann ist der Einsatz von Ritalin sinnvoll? Gegen was und bei wem nützt es überhaupt und weshalb steigt der Verbrauch von Ritalin in der Schweiz derart an?

Antworten auf diese sehr umstrittenen Fragen geben zwei Experten:

Urs Hunziker ist Chefarzt des Kantonsspitals Winterthur und beschäftigt sich seit 25 Jahren mit den Symptomen von ADHS. Er hat am Spital ein spezielles und schweizweit erstes Abklärungszentrum für Kinder mit psychischen Problemen eingerichtet und sagt, 50 % dieser Abklärungen drehen sich heute um ADHS. Er kommt aus der Largo-Schule, vertritt eine kritische Haltung bezüglich Ritalin, sagt aber bei richtiger Anwendung in der richtigen Situation könne das Medikament tatsächlich helfen.

Meinrad Ryffel ist Kinderarzt in Münchenbuchsee und macht seit 30 Jahren ADHS-Abklärungen. Er behandelt immer noch rund 300 Kinder und hat sich in letzter Zeit vor allem auf die ruhige Form, die sogenannten hypoaktiven oder verträumten Kinder konzentriert. Er anerkennt das Bedürfnis nach seriöser Abklärung und adäquater Behandlung, setzt aber häufig Ritalin ein. Ryffel wird von ritalinkritischer Seite immer wieder heftig kritisiert.

Die Schicksale der drei Kinder und ihrer Familien zusammen mit den Einschätzungen der Experten zeigen auf, dass die Symptome sich sehr unterschiedlich äussern können, aber tatsächlich existieren und die Kinder und ihr Umfeld darunter zum Teil extrem leiden. Genau so vielfältig wie die Symptome sind auch die Behandlungsansätze. Ritalin ist dabei nur eine Möglichkeit und Erziehende und Pädagogen kommen nicht darum herum, auf das einzelne Kind einzugehen und sich die Mühe zu machen herauszufinden, was das einzelne Kind in seiner besonderen Situation braucht.

Der Film zeigt aber auch, dass eine ADHS- Veranlagung in der heutigen Gesellschaft eher zu Problemen führt, weil der Druck erfolgreich sein zu müssen zunimmt. Auch hier ist es die Verantwortung der Erwachsenen zu entscheiden, wie weit sie diesem Druck nachgeben und ihn auf die Kinder übertragen. Eine polarisierte, unsachliche Diskussion mit Schlagworten jedenfalls ist wenig sinnführend.

Erstausstrahlung: 10.11.2011