Zum Inhalt springen

DOK «Im Islam wird Sexualität kontrolliert und verteufelt.»

Islam und Sexualität, dieses Themenfeld ist hochbrisant und heikel. Für die Autorin Güner Yasemin Balci ist die Unterdrückung der Frau der Kern aller Probleme. Ihr Dokfilm zeigt, wie schwer diese Rollenmuster wiegen, und wie schwierig es für junge Frauen und Männer ist, sich zu von ihnen zu lösen.

Legende: Video Ein künstliches Jungfernhäutchen aus dem Internet abspielen. Laufzeit 1:28 Minuten.
Vom 21.09.2016.

SRF DOK: Sie haben da ein ganz schön heisses Eisen angepackt. Warum?

Güner Yasemin Balci: Ich beobachte diese Ungleichheit zwischen den Geschlechtern seit meiner Kindheit. Das ist das Grundlegendste in jeder patriarchalen Gesellschaft. Ich wuchs in einem Viertel auf, in dem es besonders für Mädchen aus muslimischen Familien nicht selbstverständlich war, selbstbestimmt zu leben. Ich wollte herausfinden, woran das liegt. Später arbeitete ich mit Jugendlichen und kam zum Schluss, die Unterdrückung der Frauen ist nicht nur kulturell bedingt, sie kommt in jeder monotheistischen Religion vor und prägt die Entwicklung einer Gesellschaft stark. Und das ist verheerend – wenn Mädchen nicht dieselben Rechte wie Jungs haben. Als ich dann als Journalistin arbeitete, merkte ich, dass dieser Themenbereich viel zu wenig beleuchtet wird. Ich bin überzeugt: Wenn beide Geschlechter sich von überholten Rollenmustern emanzipieren, ist es gut für uns alle.

Aber eben: Islam und Sexualität sind ein heikles Themenfeld. Warum haben Sie ausgerechnet das aufgegriffen?

Weil es der Ausgangspunkt aller Probleme ist. Im Islam wird Sexualität kontrolliert, verteufelt oder im Rahmen einer Ehe wird die Frau zum Selbstbedienungsladen des Mannes. Diese Geschlechter-Apartheid ist der Kern des Problems. Wenn wir darüber nicht reden, dann passiert da nichts.

Legende: Video «Wo ist deine Schwester? Wer ist der Mann im Haus?» abspielen. Laufzeit 0:34 Minuten.
Vom 21.09.2016.

Es sind vor allem die Frauen, über deren Sexualität gerichtet wird – über die Männer im Islam und ihre Sexualität wissen wir – oder ich zumindest – nicht viel...

Sie werden, genauso wie die Frauen, durchwegs sexualisiert und das von Kindheit an. Ein erster Höhepunkt ist da die Beschneidung, wo den Buben vermittelt wird, dass von ihrem Penis ihr gesamtes Weltbild abhängt, ihre Ehrbarkeit. Gleichzeitig erleben viele Jungs dies als Psychoterror und das Frauenbild, welches ihnen vermittelt wird, zeigt dies: Jeder Mann, der eine gleichberechtigte Frau an seiner Seite haben will und nicht der Hüter der Familienehre sein will, der kriegt Probleme, kommt an Grenzen.

Dieses Bild wird von den Eltern weitergegeben, auch von den Müttern.

In erster Linie wächst man im Kollektiv auf. Alternativen zu finden ist schwierig, besonders dann, wenn im eigenen Umfeld keine Alternativen existieren. Der Kontakt zu anderen Lebenswelten fehlt. Nur wenige haben das Glück, Eltern zu haben, die bereits emanzipiert sind. Das Problem ist auch, dass der Emanzipationsprozess der Männer gar noch nicht richtig bewusst angefangen hat. Jeder kämpft für sich allein. Auch in anderen Religionen, nicht nur im Islam. Es gibt erst einzelne revolutionäre Ausbrecher.

Wenn patriarchale Rollenmuster in einem Kollektiv Konsens sind, wenn Männlichkeit unter anderem bedeutet, die Macht und Kontrolle über die Frauen zu haben, dann ist es für jeden anders denkenden einzelnen besonders schwer. Oft kann man sich dem nur entziehen, in dem man das Milieu verlässt.

Jeder, der das öffentlich diskutiert, erhält Morddrohungen.

Gab es bei den Dreharbeiten auch Themen, die Sie gerne angesprochen hätten, sich dann aber doch nicht «trauten»?

Ja, gab es. Ich hätte gerne die Sexualisierung der Kinder im Islam thematisiert – die sich zum Beispiel in der Verheiratung von Kindern äussert. Ich hätte gerne über das Kind Aischa gesprochen, dass vom muslimischen Propheten Mohammed zur Frau genommen wurde. Es ist eine Sache, dass ein Kindesmissbrauch zur Zeit dieses Propheten als ehrenhaft galt und eine andere, wie man so etwas heute sieht. Aber das ist ein sehr heikles Thema, wie so vieles, was den orthodoxen Islam betrifft. Jeder, der das öffentlich diskutiert, erhält Morddrohungen.

Ebenfalls ein Tabu: Homosexualität im Islam. Zum einen die Missbräuche, die da stattfinden und welche der Schriftsteller Khaled Hosseini in seinem Buch «Der Drachenläufer» beschreibt und zum anderen die permanente Homo-Erotik im muslimischen Alltag im Kontrast zur Verteuflung von Homosexualität, auch das ein hohes Spannungsfeld.

Legende: Video «Es geht immer um die sexuelle Selbstbestimmung der Frau.» abspielen. Laufzeit 1:02 Minuten.
Vom 21.09.2016.

Sie befassen sich nun schon seit Jahren mit diesen Themen …

Ich wurde als Kind in einem feministischen Frauenprojekt sozialisiert. Es war wie eine Offenbarung, zu erkennen, dass unsere Welt geprägt ist von der Ungleichheit der Geschlechter. Und besonders moderne, freie Gesellschaften neigen dazu, das auszublenden. Selbst dann, wenn Frauen für gleiche Leistung weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Ich habe nun selbst Kinder, eine Tochter und einen Sohn und ich frage mich, was muss sich in der Erziehung ändern?

Was für eine Gesellschaft wollen wir sein, und wofür ist es wichtig zu kämpfen? Emanzipation wird heutzutage leider belächelt, dabei ist das zentral. Alle Ängste, die wir in Bezug auf das Fremde, auf Flüchtlinge hegen, haben ein und denselben Ursprung: Die Geschlechter-Ungerechtigkeit, denn sie ist eine Kriegserklärung an unsere freie Gesellschaft.

Der orthodoxe Islam, der aus der Türkei oder Saudi Arabien gesteuert wird, der ist laut.

Glauben Sie noch an multikulti?

Das geht nur, wenn verschiedene Kulturen miteinander leben, nicht nebeneinander – also auch Beziehungen miteinander eingehen. Schwarz sehe ich dann, wenn wir Konflikte nicht ansprechen und diese Themenfelder den rechten Parteien überlassen. Es wurde lange versäumt, den liberalen Muslimen eine Stimme zu geben.

Der orthodoxe, rückwärtsgewandte Islam, der aus der Türkei oder Saudi Arabien finanziert und gesteuert wird, der ist laut. Die anderen sind nicht organisiert, sie sind Einzelstimmen, bei denen man sich nicht traut, ihnen eine Plattform zu geben. Es gibt aber viele Imame in Europa, den USA, die einen offenen Islam vertreten, nur wagen sich auch gerade viele Journalisten nicht, diesen Einzelnen eine Stimme zu geben.

Mir ist ganz wichtig, dass die Ungleichheit der Geschlechter als Kernproblem erkannt wird.
Legende: Video Seyran Ateş: «Endlich diesen Jungfrauenwahn ablegen.» abspielen. Laufzeit 0:27 Minuten.
Vom 21.09.2016.

Und Sie selbst sehen sich auch als so eine Stimme?

Ich sehe mich eher als eine Mittlerin zwischen den Kulturen und Welten. Mein Thema ist die Freiheit des Individuums. Ich fühle mich in jeder freien Gesellschaft zu Hause, und ich wünsche mir, dass der Islam in Europa ankommt, dass zum Beispiel muslimische Kinder ihre Religion erleben können und gleichzeitig einen freien Geist entfalten.

Ich wünsche mir ein aufeinander Zukommen von beiden Seiten. Ich hatte das Glück, dass mein Hintergrund sehr liberal ist, ich wuchs nicht streng religiös auf, ich durfte frei wählen. Aber mir ist ganz wichtig, dass die Ungleichheit der Geschlechter als Kernproblem einer jeden Gesellschaft erkannt wird. Und wir müssen uns fragen, wo die Grenzen unserer Toleranz sind, denn die Freiheit des Einzelnen ist die Grundlage unserer Gesellschaft. Diese Auseinandersetzung dürfen wir nicht dem Missbrauch rechter Parteien überlassen.

Vielen Dank, Frau Balci, für dieses Gespräch.

Zur Person

Zur Person

Die deutsche Journalistin und Schriftstellerin Güner Yasemin Balci befasst sich seit Jahren mit der Situation von muslimischen Migranten in Deutschland. Ihr Film «Der Jungfrauenwahn» erhielt den Bayerischen Fernsehpreis. Balcis Eltern kamen in den 1960er Jahren aus der Türkei nach Berlin-Neukölln.

«DOK» am Mittwoch

«Der Jungfrauenwahn», Mittwoch, 21. September, 22:55 Uhr, SRF1.

13 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Ja , aber nur die sexuelle Intaktheit der Frauen! Die Frauen müssen "rein" bleiben! Die Frage ist, für wen? Die Männner dürfen herumhuren, wie sie wollen! Das sind zweierlei Menschen und Rechte ! Nur, wer sind die Frauen, mit denen die muslimischen Männer Sex haben vor- und nach der Eheschliessung?? Menschen-Diskriminierung im Jahr 2016! Arme, offensichtlich sehr schwache Männerwelt, welche solche "Gesetze" aufstellen müssen, um die Frau als Sklavin halten zu können!!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Eduard Ender (Soso)
    Der türkische Schriftsteller Zafer Senocak bringt es mit seiner Kernaussage auf den Punkt: „Auch wenn es die meisten Muslime nicht wahrhaben wollen, der Terror kommt aus dem Herzen des Islams, er kommt direkt aus dem Koran. Er richtet sich gegen alle, die nicht nach den Regeln des Korans leben und handeln, also gegen Demokraten, abendländisch inspirierte Denker und Wissenschaftler, gegen Agnostiker und Atheisten. Und er richtet sich vor allem gegen Frauen.“
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Astrid Meier (Swissmiss)
    Äxgüsi, aber "der Islam"? Das sind über eine Milliarde Menschen von den Philippinen bis Kalifornien, von Südafrika bis Schweden... Und die gehen alle gleich mit ihrer Sexualität um? Dass in Afrika Sexualität verteufelt würde, ist mir noch nie aufgefallen. Allerdings untersagt "der Islam" beiden Geschlechtern Sex vor der Ehe, das tun aber das Judentum, der Katholizismus und der Hinduismus auch... Immerhin ist Verhütung und Scheidung erlaubt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten