In England wächst die Kluft zwischen Arm und Reich rasant

Die Reichen wurden während der Finanzkrise reicher, die restlichen Einkommen in Grossbritannien stagnierten. Das ist nicht das Ergebnis mysteriöser Prozesse sondern das Resultat politischer Entscheidungen. Eine Analyse von SRF-Korrespondent Martin Alioth im Vorfeld der Parlamentswahl am 7. Mai.

Ein Mann mit Frack und Zylinder geht an einem Ferrari vorbei. Im Hintergrund eine Pferdekutsche.

Bildlegende: In England wächst die Schere zwischen arm und reich Reuters

Es klang wie eine Fortschreibung von «Alice im Wunderland». Ein Gesprächsfetzen, den ich unlängst beim Flanieren durch die Handtaschen-Abteilung des Nobel-Warenhauses Harrod’s in London aufgeschnappt hatte: «1500 Pfund», hauchte die Verkäuferin, und hielt einen belanglosen, etwas vulgär wirkenden Lederbehälter hoch. «Wenn ich ein Wort benütze», erklärt Humpty Dumpty im erwähnten Kinderbuch, «dann bedeutet es das, was ich meine, nicht mehr und nicht weniger».

Und so verbrachte ich einige Zeit mit der Überlegung, wer genau denn hier den Bezug zur Realität verloren hatte? Harrod’s oder ich? Oder gar die mutmassliche Käuferin?

London als Kronjuwel

Die britische Metropole London ist eine Welt für sich, ein eigener Wirtschaftsraum mit dem Finanzzentrum in ihrem Kern. London ist ein Paradies für die Plutokratie des Globus, für die hauchdünne Schicht der Superreichen. Ihnen ist die etwas polemische BBC-Dokumentation «Die Superreichen und die Anderen» gewidmet.

Die Preisschilder in den Schaufenstern, die stets eine Null zuviel aufzuweisen scheinen, sind nur ein äusseres Merkmal. Die schneeweissen Säulen vor den Haustüren der teuersten Paläste verkünden achtstellige Preise. Weniger offensichtlich sind die Steueroasen unter britischer Kontrolle, von der Karibik bis in den Ärmelkanal. Sie bilden einen integralen Teil des Finanzplatzes.

«  Die Mehrheit aller Londoner Neubauten wird von Ausländern erworben, das einstige Volk der Häuschenbesitzer mietet zunehmend. »

Im Gegensatz zum restlichen Europa hat die Ungleichheit im Vereinigten Königreich in den letzten Jahren zugenommen. Das riesige Defizit in der Zahlungsbilanz wird von Kapitalzuflüssen aus dem Ausland gestopft. Die Mehrheit aller Londoner Neubauten wird von Ausländern erworben, während das einstige Volk der Häuschenbesitzer zunehmend mietet. Obwohl der konservative Schatzkanzler George Osborne das Wirtschaftswachstum preist, will sich das Wohlgefühl der Wähler im Vorfeld der Parlamentswahl vom 7. Mai nicht so recht einstellen.

«  Die hohen Beschäftigungszahlen verbergen ein wachsendes Heer von Billiglohnempfängern. »

Die oppositionelle Labour-Partei beschuldigt die regierenden Konservativen im laufenden Wahlkampf, im Dienst von Hedgefonds-Managern im Londoner Stadtteil Mayfair zu stehen und beklagt eine «Krise der Lebenskosten». Das ist nicht ganz unbegründet, denn die wachsende Ungleichheit hat Methode: Die extrem lockere Geldpolitik der Bank of England lässt die Vermögen jener wachsen, die schon etwas haben. Rentner erhalten höhere Zinsen für ihre Sparbatzen aus der Staatskasse. Gleichzeitig subventioniert der Staat über Steuergutschriften jene, deren Arbeitseinkommen schlicht nicht zum Überleben ausreicht. Deshalb hat das Wohlfahrtsbudget allen Kürzungen zum Trotz nicht abgenommen: Die hohen Beschäftigungszahlen verbergen ein wachsendes Heer von Billiglohnempfängern. – «Manchmal», sagt die Weisse Königin zu Alice im Wunderland, «habe ich sechs unmögliche Dinge noch vor dem Frühstück geglaubt».

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Martin Alioth lebt seit 1984 in Irland. Er arbeitet seit 2000 als SRF-Radiokorrespondent für das Vereinigte Königreich und Irland. Seit 2003 berichtet er auch für die «NZZ am Sonntag».

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