Kindertraum - Zwei Banker auf Sinnsuche

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Die beiden Schweizer Banker Marc Jenni und Daniel Siegfried machen in den boomenden 90er-Jahren Karriere in Südostasien, sind für die UBS in Hongkong, Seoul und Singapur tätig. 2003 verlassen sie ihren «goldenen Käfig» und gründen in Chiang Mai das Kinderhilfswerk «Child’s Dream».

Die beiden jungen Schweizer hatten es geschafft: Marc Jenni aus Davos und Daniel Siegfried aus Zürich-Oberengstringen waren in der Welt der Reichen und Superreichen angekommen. Als UBS-Direktoren in Singapur vermehrten sie das Geld ihrer wohlhabenden Klienten und verdienten auch selber ganz flott dabei. In ihrer Peergroup drehten sich die Gespräche in erster Linie um Statussymbole: Wer hat das teurere Auto, den höheren Bonus, die grössere Villa? Die beiden Schweizer lebten in Saus und Braus, ihre Zukunft sah blendend aus.

Doch irgendwas stimmte nicht. «Ich fühlte mich wie in einem goldenen Käfig», sagt Marc Jenni. Deshalb brachen die beiden Freunde so oft es ging aus ihrem wohlgeordneten Umfeld aus, trampten als Rucksacktouristen durch Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam. Dabei lernten sie abgelegene Gegenden kennen, deren Bewohner ganz andere Probleme hatten als die beiden erfolgsverwöhnten jungen Schweizer.

«Je mehr ich mich mit den Problemen der Menschen in dieser Region beschäftigt habe, desto schwerer ist es mir gefallen, mich für meinen Finanzjob zu motivieren», sagt Daniel Siegfried. Mitten in dieser Sinnkrise wird der 24-jährige zum weltweit jüngsten Direktionsmitglied der UBS befördert. «Da habe ich realisiert, dass ich ein Schauspieler bin, der es allen Recht zu machen versucht», sagt Daniel. «Aber das war nicht mein wahres Ich.»

Bei Marc Jenni war es ganz einfach Langeweile, die ihn zum Umdenken bewog. «Jedes Jahr wurde der Zähler wieder auf Null gestellt und das Rennen nach Profit und Erfolg begann von vorne.» Da kam Daniels Idee, in Chiang Mai, im Norden von Thailand, ein Kinderhilfswerk zu gründen, gerade richtig. «Child’s Dream» sollte die Organisation heissen, Kindertraum. Denn Daniel hatte schon als Kind davon geträumt, einmal anderen Menschen helfen zu können. Und: Die Begünstigten der Organisation sollten ausschliesslich Kinder und Jugendliche in der Mekong-Subregion sein.

Nach ihrem Ausstieg aus der Bankenwelt im Jahre 2003 veränderte sich das Leben von Marc und Daniel radikal. Sie lebten fortan im Norden Thailands, nahe der Grenze zu Burma, bezogen keinen Lohn mehr und setzten ihr Vermögen für den Aufbau ihres Kinderhilfswerks ein. Eine für die beiden Ex-Banker nicht einfache Aufgabe. Marc: «Wir hatten ja keine Ahnung von Entwicklungshilfe oder wie man sich um Kinder kümmert.» So erlebten die beiden in den vergangenen Jahren auch viele schwierige Momente, mussten miterleben, wie Kinder vor ihren eigenen Augen starben oder als Kindersoldaten missbraucht wurden. «Doch bei Child’s Dream geht es um einige Hunderttausend Kinder, und wir klammern uns an die positiven Erlebnisse», meint Daniel.

Heute ist Child’s Dream eine erfolgreiche, familiär geführte NGO, beschäftigt 30 meist lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und kann jährlich rund 5 Millionen Franken in den Bau von Schulen und in medizinische Projekte investieren. Im Gegensatz zu anderen NGOs fliessen die Spenden bei Child’s Dream trotz internationaler Finanzkrise ungehindert, was andere Hilfswerke zum Teil mit Argwohn zur Kenntnis nehmen. Denn was Child’s Dream von anderen NGOs unterscheidet ist, dass Marc und Daniel sich an der Zürcher Bahnhofstrasse ebenso sicher bewegen, wie in einem laotischen Bergdorf, denn sie nutzen ganz gezielt ihre Beziehungen aus ihrem «früheren» Leben und zählen heute viele ihrer wohlhabenden ehemaligen Bankkunden zu ihren treuen Sponsoren. Damit schaffen sie einen ungewohnt direkten Brückenschlag zwischen Reich und Arm.

Marc und Daniel haben einen neuen Lebenssinn gefunden: Sie helfen Menschen, die dringend Hilfe benötigen. Zurück in die Finanzindustrie? Das können sich die beiden nicht vorstellen. Heute sind sie glücklich – und so soll es bleiben!