Leben um jeden Preis? Extreme Frühchen und ihre Chancen

  • Donnerstag, 9. April 2015, 20:05 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Donnerstag, 9. April 2015, 20:05 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Freitag, 10. April 2015, 2:00 Uhr, SRF 1
    • Freitag, 10. April 2015, 11:15 Uhr, SRF 1
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Beim Start ins Leben haben es manche besonders schwer: Extreme Frühchen, einige sind erst 22 Wochen alt, wiegen weniger als 500 Gramm. Medizinern gelingt es immer häufiger, diese winzigen Wesen dem Tod zu entreissen. Aber was bedeutet das für die Eltern, was für die Kinder?

Ein Film von Antje Christ

Ob in modernen Industriestaaten oder in Entwicklungsländern: Immer mehr Kinder kommen zu früh auf die Welt – 13 Millionen Babys weltweit, jedes Jahr. Manche von ihnen sind gerade einmal 22 Wochen alt, wiegen weniger als 500 Gramm und sind nicht grösser als 30 Zentimeter. Es sind sogenannte extreme Frühchen. Noch vor wenigen Jahren hätte ihnen niemand eine Chance gegeben, doch Medizinern gelingt es immer häufiger, diese winzigen Wesen mittels Hightech-Medizin dem Tod zu entreissen.

Etwa zwei Drittel der extrem unreif geborenen Babys wachsen mit Behinderungen auf. Ein Dilemma, nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Neonatologen – die Frühchenmediziner. Sie stehen täglich vor der Frage, was medizinisch machbar und was ethisch noch vertretbar ist.

Internationaler Spielraum variiert stark

Wann soll Leben beginnen? Weltweit haben Ärzte einen erheblichen Spielraum, in dem sie über Leben und Tod von Frühchen entscheiden. Während Mediziner in Japan per Gesetz verpflichtet sind, Leben mit 22 Wochen zu retten, haben zu früh geborene Babys in China selten eine Chance, unter 28 Wochen zu überleben. Nicht nur in Asien, auch innerhalb Europas sind die Unterschiede gross und die Ärzte sind sich nicht einig, ab wann Leben erhalten werden soll. So liegt die untere Grenze in der Schweiz in der Regel bei 25 Wochen, ebenso wie in den Niederlanden und Frankreich. In Deutschland, Österreich, Italien oder Grossbritannien werden Kinder mit 23 Wochen – im Einzelfall auch schon mit 22 Wochen – behandelt.

Bis zu 170’000 Schweizer Franken erhalten Spitäler in der Schweiz für besonders unreif geborene Kinder. Doch wenn bei diesen Frühchen schwere Komplikationen auftreten, sei dies nicht genug Geld, bemängeln Mediziner. Die Fallpauschale unterstütze mit ihrer Regelung also jene Spitäler, die wenig Intensivmedizin an Frühchen betreiben würden. Während in der Schweiz auf diese Weise ökonomische Anreize eher bei den gesünderen Frühchen geschaffen wurden, ist es in Deutschland anders: Hier spülen vor allem extrem unreif geborene Kinder Geld in die Kassen. Beeinflusst der ökonomische Druck auch das ärztliche Handeln?

Frühchen können lukrativ sein

«Die Neonatologie ist wie jeder andere medizinische Bereich auch ökonomisch bestimmt», sagt Tanja Krones, Medizinethikerin am Universitätsspital Zürich. Krankenhäuser sind längt keine Non-Profit-Institutionen mehr, sie müssen Rendite erwirtschaften, um zu überleben. Auch die Frühchenabteilung zählt dazu. Umso offener, meint die Ethikerin, müsse über Kosten gesprochen werden, die mit der Hochleistungsmedizin einhergehen.

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