Mattmark: Ein Stück Zeitgeschichte

Bei unseren Vorrecherchen zum Unglück von Mattmark, wo 88 Arbeiter ihr Leben verloren, zeigte sich eine Verflechtung von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Aspekten und Verfehlungen. Je mehr wir erfuhren, desto überzeugter waren wir, dass diese Geschichte neu erzählt werden soll.

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Das Unglück von Mattmark

50 min, aus CH:Filmszene vom 1.9.2016

Der Film ist die Geschichte eines abgelegenen Tals im Kanton Wallis. Eines Kantons, dessen Alpen zu den Rekordhaltern unter den Alpengipfeln gehören, wo Menschen nicht nur gelernt haben mit Naturgewalten zu leben, sondern auch deren Gefahren kennen und diese abzuschätzen wissen.

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Zeitzeuge Benjamin Bumann:«Plötzlich war es totenstill.»

0:54 min, vom 27.8.2015

Im Saaser-Tal war die Armut noch bis in die 60er-Jahre allgegenwärtig. Die Frauen besassen, wie damals überall in der Schweiz, noch kein Stimmrecht und die Männer waren gezwungen, in die Fremde zu gehen, um ein Auskommen für ihre Familien zu finden. Der Bau des Staudammes sollte dem Tal Hoffnung und Reichtum bringen, bedeutete aber gleichzeitig den zunehmenden Verlust der traditionellen Lebensweise. Und schliesslich sah sich die Talbevölkerung gar mit der grössten Katastrophe der Schweizer Baugeschichte konfrontiert.

    • Patricia Wagner und Cristina Karrer

      Bildlegende: Patricia Wagner und Cristina Karrer SRF

      Die Autorinnen

      Patricia Wagner: 1989 Ausbildung zur Cutterin beim Schweizer Fernsehen. Seit 1993 arbeitet sie für die Sendung NZZ Format. Sie ist verantwortlich für den Schnitt und die Mitkonzeptionen von über 100 Dokumentationen. Cristina Karrer arbeitet seit 2001 als freie Afrika Korrespondentin für SRF mit Sitz in Johannesburg. Sie war Co-Regisseurin des erfolgreichen Dokumentarfilms «Drama am Gauligletscher», den sie 2011 gemeinsam mit Patricia Wagner realisierte.

Mattmark ist auch die Geschichte von italienischen Arbeitern, die in die Schweiz kamen, um unsere Grossbauwerke anzufertigen. Sie kämpften nicht nur gegen Vorurteile und Fremdenhass, sondern bauten unter grossen Gefahren unsere Strassen, Brücken und Staudämme. Sie riskierten dabei ihre Gesundheit und ihr Leben. Heute stehen diese Bauwerke, doch die menschlichen Geschichten und Tragödien dahinter sind in Vergessenheit geraten.

Die Betroffenen aus Belluno in Italien und aus dem Saaser Tal haben diese Schicksale während unserer Recherche wieder in Erinnerung gerufen. Ihre Erzählungen über Verlust und Trauer und das bis heute empfundene Unrecht hat uns zutiefst berührt.

Die italienische Seite war überzeugt, dass das Urteil anderes ausgefallen wäre, wäre die Mehrheit der Toten Schweizer gewesen.

Uns wurde wurde während den Recherchen und Dreharbeiten auch bewusst, wie schlecht es damals um die Rechte der Arbeiter stand. Doch auch heute noch herrschen auf Grossbaustellen zum Teil schlechte Arbeitsbedingungen und Lebensumstände.

Weltweit arbeiten Menschen oft unter prekären Sichterheitsbedingungen und riskieren bei der Arbeit ihr Leben. Das Unglück von Mattmark beeinflusste die Entwicklung der Gewerksschaften in der Schweiz nachhaltig.

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  • War trägt die Verantwortung? Pressefotografen während dem Prozess in Visp 1972.

    «Man sah, dass der Gletscher in Bewegung war.»

    Aus Kontext vom 28.8.2015

    Giancarlo Cicciarello (79), aus Belluno im Veneto stammend, arbeitete in Mattmark als Bauführer. Nur durch Zufall entkam er der Katastrophe. Es wäre eine gute Sache, sagt er heute, wenn man erfahren würde, wer für dieses Unglück die Verantwortung trägt.

    Sabine Bitter