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DOK Pflegedienst – Voller Einsatz trotz Spardruck und Personalmangel

«Du wischst den alten Leuten freiwillig den Hintern ab?» Wie oft schon musste der diplomierte Pflegefachmann Reiko Schulz diese Frage beantworten. Dabei erlebt Schulz bei seiner Arbeit so viel mehr als nur Toilettengänge und volle Inkontinenzeinlagen.

Legende: Video Im Pflegedienst abspielen. Laufzeit 23:00 Minuten.
Aus Reporter vom 07.08.2016.

Der Geruch menschlicher Ausdünstungen und Ausscheidungen erschlägt mich fast, als ich frühmorgens mit Pflegefachmann Reiko Schulz den ersten Rundgang durch die Patientenzimmer beginne. Schulz nimmt diesen Geruch gar nicht mehr zur Kenntnis: «Wer in einem Pflegeheim arbeitet, hat schon so einiges gerochen», meint er lakonisch. Insgeheim frage ich mich, wie man freiwillig in der Alterspflege arbeiten kann.

Je länger ich Reiko Schulz aber bei seiner Arbeit mit den dementen Patienten im Pflegezentrum Embrach begleite, desto eher sehe ich die befriedigenden Aspekte seines Berufsalltags: In der Langzeitpflege können Beziehungen aufgebaut werden. Beziehungen zu Menschen, die alle in ihrer eigenen Welt leben.

Legende: Video Eine Dame will in ein fremdes Zimmer abspielen. Laufzeit 0:30 Minuten.
Aus DOK vom 07.06.2015.

Einfühlungsvermögen notwendig

Pflegefachleute wie Reiko Schulz müssen achtsam und aufmerksam sein, um Bedürfnisse und Schmerzen der Bewohnerinnen und Bewohner zu erspüren. Die wenigsten können sich noch verbal ausdrücken. Bei der täglichen Körperpflege etwa müssen Schamgrenzen täglich neu ausgelotet werden.

Kreativität und Intuition sind bei Gesprächen mit den Dementen gefragt, Teamarbeit, wenn es darum geht, einen aggressiven Bewohner zu waschen, ohne dass Pflegende und Patient zu Schaden kommen.

Erschöpfte Pflegende

Die Arbeit in der Pflege ist anstrengend und kräfteraubend – physisch und psychisch. Eine Studie über Pflegende in Alters- und Pflegeheimen hat vor anderthalb Jahren ergeben, dass auch der Spardruck und der seit Jahren herrschende Fachpersonalmangel sich negativ auf das Wohlbefinden der Angestellten auswirken: Ein Grossteil der Pflegenden leidet unter Rückenschmerzen, allgemeiner Schwäche und Energielosigkeit.

Nach einigen Tagen im Pflegeheim kann ich – trotz vieler heiterer Momente – diese Belastungen gut nachvollziehen. Und ich ziehe den Hut vor Pflegenden wie Reiko Schulz, die ihren Patientinnen und Patienten jeden Tag mit Respekt und Freude begegnen.

Legende: Video Geburtstag im Pflegeheim abspielen. Laufzeit 0:26 Minuten.
Aus DOK vom 07.06.2015.

Zur Autorin

Zur Autorin

Helen Arnet (*1966) arbeitet seit 1998 fürs Schweizer Fernsehen. Seit 2010 ausschliesslich für «DOK» und «Reporter». Sie studierte Volkskunde und Germanistik an der Universität Zürich.

9 Kommentare

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  • Kommentar von Beatrice Carlucci, Saanen
    Sehr eindrücklich! Hut ab wie liebevoll und einfühlsam Herr Schulz mit den Patienten umgeht!
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  • Kommentar von Maja Schmid, Chêne-Bougeries
    Vielen Dank für diese beeindruckende Reportage. Und ein ganz dickes BRAVO für Herr Schulz. Sein Beispiel sollte Schule machen. Sollte ich einmal pflegebedürftig werden, wünschte ich mir so einen Betreuer, der Ruhe, Gelassenheit und Geborgenheit ausstrahlt.
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  • Kommentar von Denise Casagrande, 8444 Henggart
    Spitäler,Kliniken,Heime,Seniorenzentren,etc.PatientenInnen/BewohnerInnen, müssen immer mehr bezahlen. Schöne Fassaden, Luxus, Einrichtungen, moderne Technik- und Abrechnungssysteme, teure Managements/SpezialärzteInnen, etc. Das eigentliche "Rundum-Wohlfühl-Personal" für Patienten/Bewohner aber, wird beschämend kärglich und nicht wertschätzend adäquat entlöhnt!! Bundesrat, Politik, SECO, BAG, etc - wann wird die Wende eingeführt, welche zum dringend notwendigen Berufsinteresse führt??
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