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Geheimarmee P-26 Unterwegs als Geheimsoldat in der Schweiz

Rund 400 Schweizerinnen und Schweizer liessen sich im Kalten Krieg heimlich für die Kaderorganisation P-26 rekrutieren. Nun sprechen ehemalige Mitglieder ausführlich über ihre Tätigkeit.

Legende: Video Koffer links, Zeitung rechts: Die Erkennungszeichen der Mitglieder abspielen. Laufzeit 01:14 Minuten.
Aus DOK vom 21.03.2018.

Es ist die Zeit des Kalten Krieges. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion stehen sich unversöhnlich gegenüber, beide Mächte rüsten nuklear auf. Das sogenannte «Gleichgewicht des Schreckens» entsteht. 1961 teilt der Bau der Berliner Mauer die Welt endgültig in zwei Blöcke.

In diesem Klima entstehen im ganzen Westen Ideen geheimer Widerstandsorganisationen. Im Falle einer sowjetischen Invasion sollen sie sich verstecken und später dann dem Feind von hinten in den Rücken fallen. «Stay behind» nennt sich das Konzept. Nach dem Ungarn-Aufstand 1956 werden in der Schweiz die Vorbereitungen schrittweise auf- und ausgebaut.

Die ersten Versuche in der Schweiz scheitern: 1979 musste Albert Bachmann die Leitung des Spezialdienstes abgeben. Sein Nachfolger, Efrem Cattelan, führte die Vorbereitungen unter dem Decknamen «Projekt 26» weiter. Das Grundlagenkonzept trägt die Handschrift des damaligen Generalstabchefs – der Bundesrat war nicht informiert.

Legende: Video Generalstabschef Eugen Lüthy spricht per Videobotschaft zu den Rekrutierten abspielen. Laufzeit 01:08 Minuten.
Aus DOK vom 21.03.2018.

Im geheimen Bunker, Übernahme «Schweizerhof», oberhalb von Gstaad werden die Mitglieder heimlich trainiert. In den gemeinsamen Räumen tragen sie alle Masken – niemand darf sich kennen. Die Organisation ist zellenartig aufgebaut, die P-26-Mitglieder kennen immer nur den Namen ihres Chefs und zwei bis drei andere Personen. Bei einer Besetzung der Schweiz hätten sie eine Spezialausrüstung erhalten, darunter unter anderem eine Maschinenpistole mit Schalldämpfer und Goldvorräte.

Legende: Video Der Ausbildungsbunker oberhalb von Gstaad abspielen. Laufzeit 00:28 Minuten.
Aus DOK vom 21.03.2018.

Wer Mitglied der P-26 werden wollte, musste bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Die Männer und Frauen erklärten sich bereit, im Falle einer Invasion ihr Leben zu riskieren. Sie mussten lernen, im Geheimen zu operieren. Die Rekrutierung erfolgte deshalb diskret und über Bekannte.

Legende: Video Susanne Günter, Ex-Mitglied P-26, erzählt über ihre Rekrutierung abspielen. Laufzeit 01:59 Minuten.
Aus DOK vom 21.03.2018.

Die Identität des möglichen P-26 Kandidaten wird auch von der Bundespolizei und der kantonalen Polizei überprüft. Auf dieser Ebene ging es vor allem darum, ob die Person einen guten Leumund hatte. Der Kandidat sollte später keine Probleme verursachen und so der Organisation schaden. In Kursen von vier oder mehr Tagen, drei- bis viermal pro Jahr, lernen die Mitglieder die Grundlagen des geheimen Verhaltens. Dazu gehören Erkennungszeichen wie das Tragen einer Zeitung in der Hand oder unter dem Arm, ein Koffer und als Sicherheitszeichen eine Tabakpfeife im Mund oder in der Hand. Während fünf Jahren durchlaufen die Mitglieder diverse Kurse.

Alt Bundesrat Alphons Egli war Mitglied der P-26

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Alt Bundesrat Alphons Egli am Rednerpult im Parlament
Legende:Keystone

Kurz nach seinem Tod im August 2016 wurde bekannt, das auch Alt Bundesrat Alphons Egli der Geheimarmee P-26 angehörte.

Eine Todesanzeige enttarnte ihn als ehemaligen Widerstandskämpfer: Sie erschien damals in der «Neuen Luzerner Zeitung». Die Ehemaligenvereinigung der Kader-Organisation der C 717 würdigte darin den alt Bundesarat (CVP) für seine Dienste in der Vorgängerorganisation der P-26.

Unter dem Decknamen «Blasius» erhielt er eine nachrichtendienstliche Grundausbildung. Später wurde er zum Oberstleutnant befördert.

Mehr dazu: Alt Bundesrat Alphons Egli war auch ein Kalter Krieger (10.09.2016)

Im Februar 1990, also vier Monate nach dem Fall der Berliner Mauer, fliegt die P-26 auf. Die empörte Öffentlichkeit verlangt Rechenschaft, das Parlament setzt eine Untersuchungskommission ein. Diese kommt zum Schluss, die Mitglieder hätten zwar «keine staatsgefährdenden Absichten» gehabt, aber die Geheimarmee habe über keine genügende Rechtsgrundlage verfügt. Sie hätte zwingend politisch kontrolliert werden müssen.

Das Parlament beauftragt den Bundesrat, einen zusätzlichen Bericht auszuarbeiten. Denn: Es bestehe der Verdacht, dass die P-26 mit ausländischen Organisationen zusammenarbeitete, was eine Verletzung der Neutralität bedeuten würde.

Zudem stehen einige der ausländischen geheimen Widerstandsorganisationen, die alle in dieser Endphase des Kalten Krieges auffliegen, im Verdacht, mit rechtsextremen Kreisen zusammenzuarbeiten.

Der Cornu-Bericht

Als Ermittler setzt der Chef des Militärdepartements, Bundesrat Kaspar Villiger, den Neuenburger Untersuchungsrichter Pierre Cornu ein, der übrigens neu auch für die Bundespolizei die missbräuchlichen Postauto-Subventionen untersuchen soll. Gegenüber Cornu sind sämtliche Beamte und Instruktoren vom Dienstgeheimnis befreit.

Cornu ermittelt im In- und Ausland und kommt zum Schluss, die P-26 habe keine Zusammenarbeit mit ausländischen Diensten gepflegt. Es habe zeitweilig zwar Ausbildungskontakte nach Grossbritannien gegeben, aber die Schweiz sei nicht in die geheimen Widerstandsorganisationen der Nato-Länder eingebunden gewesen.

Pierre Cornu, Neuenburger Untersuchungsrichter
Legende: Der Neuenburger Untersuchungsrichter Pierre Cornu untersuchte Anfang der 90er Jahre, ob die P-26 mit ausländischen Geheimdiensten oder Widerstandsgruppen zusammengearbeitet hat. SRF

Der Cornu-Bericht wird 1991 als Kurzfassung veröffentlicht, der Schlussbericht jedoch als geheim erklärt. Die ausführliche Fassung wird die Öffentlichkeit wohl erst 2051 lesen dürfen – zum Ärger vieler linker Politiker.

Die verschwundenen Begleitakten

Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass die Begleitakten zum Cornu-Bericht vermisst werden. Insgesamt sieben Ordner und 20 Dossier. Trotz intensiver Suchaktion sind die Akten noch immer verschwunden.

Bund findet Akten zu P-26 nicht mehr

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Verteidigungsminister Guy Parmelin
Legende:Bundesrat Guy ParmelinKeystone

«Ich will in meinem Departement alle Unterlagen, die es zur P-26 Affäre noch gibt, suchen lassen».

Dieses Versprechen gab Verteidigungsminister Guy Parmelin in der «Samstagsrundschau» von Radio SRF am 17. Februar 2018 ab.

Laut Parmelin ist bis heute unklar, ob die Unterlagen noch irgendwo im Verteidigungsdepartement (VBS) lagern.

Er verlangt von seinen Leuten innert weniger Wochen Bericht.

Mehr dazu:

Bund findet Akten zur P-26 nicht mehr (3.02.2018)

Jetzt handelt der Bundesrat (17.02.2018)

Der Historiker Titus Meier arbeitet an einer Dissertation über die P-26. Ihm fiel als erstem auf, dass die Akten verschwunden waren. Er geht allerdings nicht davon aus, dass die verschwundenen Akten etwas Hochbrisantes enthalten: «Wenn die Akten vernichtet worden sind, dann nicht, weil sie brisant waren. Sonst hätte man auch den Cornu-Bericht vernichtet. Aber der Bericht ist vorhanden, sogar in mehreren Exemplaren.»

Trotzdem bedauert der Historiker das Verschwinden der Begleitakten: «Sie wären für Historiker interessant, da sie auf andere Fragen, die Pierre Cornu nicht untersucht hat, eine Antwort geben könnten.»

Der Dokfilm zum Thema: «Die Schweizer Geheimarmee P-26»

Legende: Video Die Schweizer Geheimarmee P-26 abspielen. Laufzeit 52:21 Minuten.
Aus DOK vom 21.03.2018.

13 Kommentare

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  • Kommentar von Regulus Loew (Perfect)
    Warum soll ein Staat keine präventiven Maßnahmen ergreifen dürfen? Haben wir denn alle schon die Jahre zwischen 1939 und 1945 vergessen? Ein erneutes Szenario auf europäischem Boden wäre um vieles schlimmer als die bisherigen kriegerischen Auseinandersetzungen, deshalb waren die Gedanken um eine Geheimarmee legitim.
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  • Kommentar von Heinz Moll (sempervivus)
    Gemäss Martin Matter, Autor des lesenswerten Buches über die P-26, war der kommunistische Putsch in Prag vom Februar 1948 der ultimative Anlass für die Gründung einer geheimen Schweizer Widerstandsorganisation. In einer Hinsicht irrt Matter sich aber sehr: Die tschechoslowakische KP war keine unbedeutende Minipartei, sondern tatsächlich die wählerstärkste sowie eine ausgeprägte Massenpartei.
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  • Kommentar von Peter Wyss (peterma)
    Die P 26 Als Armee zu bezeichnen ist stark übertrieben , jedes Infanteriebataillon war besser bewaffnet. Ich glaube allerdings nicht dass diese Truppe völlig losgelöst von der Armee operierte. Dass kein Plan B bei allfälligem Verrat vorhanden war finde ich komisch. Laut dem DOK Film wäre die P 26 als bewaffnete Zivilisten im Einsatz gewesen, verstößt das nicht gegen die Genferkonventionen ?
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    1. Antwort von Sehr geehrter Herr Wyss
      Die Schweiz hat die Genfer Konvention unterzeichnet. Allerdings ist die Rolle der P-26 speziell: Sie wurde so aufgebaut, dass sie im Besetzungsfall losgelöst von der Armee hätte operieren müssen. Das bedeutet, dass sie völkerrechtlich nicht an Konventionen gebunden worden wäre, die die Eidgenossenschaft unterzeichnet hat. Die Untersuchung der parlamentarischen Geschäftsprüfungskommission vom 17. November 1990 gibt auf S. 220ff zu Ihrer Frage umfassend Auskunft. Sie finden den Link auf unserer Webseite. https://www.parlament.ch/centers/documents/de/ed-berichte-puk-emd.pdf Mit freundlichen Grüssen, SRF DOK
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    2. Antwort von Titus Meier (Titus Meier)
      Die Aufgabe von P 26 war der politische Widerstand und nicht der militärische Widerstand, dieser wäre im Besetzungsfall Aufgabe besonderer Jagdkampfdetachemente gewesen. Völkerrechtlich hätte ein Einsatz von P 26 im Besetzungsfall den Regeln der Genfer Konvention entsprochen, da mit dem Zusatzprotokoll von 1977 die frühere Kennzeichnung als Kombattante weggefallen war.
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