Verwundet in Afrika, geheilt in Europa, zurück im Kriegsalltag

Arlette – ein kriegsversehrtes Mädchen aus der Zentralafrikanischen Republik – wird in Berlin operiert, über Nacht ist sie von ihren Schmerzen befreit. Davon erzählt ein «DOK»-Film. Heute lebt Arlette wieder bei ihrer Familie, in einem zerrütteten Land, wie Filmautor Florian Hoffmann berichtet.

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Arlette – Mut ist ein Muskel.

51 min, aus DOK vom 29.4.2015

SRF DOK: Wann haben Sie Arlette das letzte Mal gesehen oder gesprochen, wie geht es ihr?

Florian Hoffmann: Kürzlich, vor der Filmpremiere beim Filmfestival «Vision du Réel» in Nyon, habe ich Arlette angerufen und ihr erzählt, dass ich sehr aufgeregt bin: «Wie wird das Publikum auf den Film reagieren?» Arlette hat über mich gelacht: «Wie kannst du wegen so etwas so aufgeregt sein, es ist doch nur ein Film.»

In Anbetracht ihrer aktuellen Lebensumstände ist diese Antwort natürlich verständlich. Sie lebt in einem Kriegsland. Und obwohl es für mich nur schwer vorstellbar ist, geht es ihr anscheinend gut dort. Sie ist froh bei ihrer Familie zu sein und gemeinsam meistern sie den Alltag, den es auch im Krieg gibt.

«  Die Kamera, der Ton wirken als eine Art Schutzschild.  »

Arlette kommt schon im Film Ihrer Mutter, Heidi Specogna, mit dem Titel «Carte Blanche» von 2010 vor. Dort ist die fünfjährige Arlette zu sehen, die wegen einer Schussverletzung vor Schmerzen schreit. Als Sie selbst diese Szene gesehen haben, was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Ich war damals dabei als wir diese erschütternde Szene gedreht haben. Und natürlich haben mich Arlettes Schreie berührt. Trotzdem muss man in diesen Momenten als Filmemacher funktionieren. Und hier wirkt das Professionelle, die Kamera, der Ton, als eine Art Schutzschild. Auf jeden Fall für den Moment. Wenn man dann später im Hotel ankommt und die Anspannung nachlässt, wirkt das Erlebte nach und die Gefühle kommen hoch.

Im Nachhinein bin ich froh, dass wir damals so tapfer ausgehalten haben. Schliesslich hat diese Szene eine Realität in den europäischen Kinosaal gebracht, die auch zum Handeln angeregt hat.

«  Am Wichtigsten war für uns, mit Arlette kommunizieren zu können. »

Sie setzten die filmische Arbeit fort und dokumentieren Arlettes Weg von der Zentralafrikanischen Republik in die Klinik nach Berlin. Arlette konnte operiert werden, weil Zuschauer helfen wollten und die Kosten übernahmen. Ein Teenager-Mädchen allein so weit weg von Zuhause, wie entwickelte sich Ihre Beziehung als Filmemacher zu ihr?

Als Familie Geilinger uns damals mit dem Angebot kontaktiert hatte, Arlette die Reise und Operation zu finanzieren, haben meine Mutter und ich uns lange damit auseinander gesetzt. Natürlich wollten wir, dass Arlette von ihren Schmerzen befreit wird. Jedoch kannten wir auch ihren Lebensalltag und wussten, was für ein Kulturschock diese Reise für das Mädchen bedeuten würde.

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Arlette tanzt!

1:10 min, vom 29.4.2015

Am Wichtigsten war für uns, mit Arlette kommunizieren zu können. Die Suche nach einem Übersetzer hat viel Zeit in Anspruch genommen und letztlich zu der Erkenntnis geführt, dass es in Berlin nur eine Person gibt, die Arlettes Sprache, das Sango, spricht. Diese Person hatte leider nur begrenzt Zeit. So habe ich mich letztlich entschlossen, selbst das Sango zu erlernen. Denn ohne einen Weg der Kommunikation hätte ich Arlette nicht mit gutem Gewissen nach Berlin holen können, geschweige denn mir erlaubt, diesen Film zu drehen.

Doch neben den Fragen über Arlettes Aufenthalt in Berlin, hat uns auch der Gedanke an ihre Rückkehr ins Dorf beschäftigt. Mit wem kann Arlette ihre ganzen Erfahrungen und Eindrücke teilen, wenn in ihrer Dorfgemeinschaft nicht einmal ein vage Vorstellung von Europa besteht? Hieraus entstand die Idee, Arlette eine Polaroid-Kamera mitzugeben. So dass sie selbst auswählen kann, was sie Zuhause zeigen will.

«  Arlette muss jeden Tag drei Stunden durch die Hauptstadt laufen und dabei verschiedene Fronten passieren. »

Die Zentralafrikanische Republik ist weit davon entfernt, eine stabiles Land zu sein. Wie sehen Sie Arlettes Zukunft?

Es war natürlich schwierig für uns, Arlettes Entscheidung, zurück zu ihrer Familie und damit auch in einen Krieg zu gehen, zu akzeptieren. Aber letztlich mussten wir ihr vertrauen, denn sie wusste im Gegensatz zu uns, was Krieg bedeutet – wie sie im Film sagt: «Ich kenne es gar nicht anders.»

Heute, ein gutes Jahr später, bin ich immer wieder verblüfft, wie sie trotz der andauernden Kämpfe ihr Leben stemmt. Erst vor ein paar Wochen hat mir die «Alliance française» eine Kopie von ihrem erstem Diplom zugeschickt. Um zu den Unterrichtsräumen zu kommen, muss Arlette jeden Tag drei Stunden durch die Hauptstadt laufen und dabei verschiedene Fronten passieren. Dies vor Augen, scheint es fast wie ein Wunder, dass sie nur einen einzigen Fehltag auf ihrem Zeugnis hat.

Zum Autor

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Florian Hoffmann (* 1987) studierte an der Universität Basel Ethnologie, Soziologie und der Politikwissenschaften. Seit 2011 ist er Regiestudent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

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