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#vergewaltigt – aber kein Opfer!
Aus Reporter vom 16.02.2020.
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Tabu Vergewaltigung Vier Frauen brechen ihr Schweigen

Immer mehr von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen machen ihre Geschichte auf Kanälen wie Instagram und Youtube publik. Was versprechen sie sich davon?

Die Aargauer Lehrerin und Bloggerin Morena Diaz machte Anfang Jahr «meine persönliche Geschichte», wie sie schrieb, publik. In ihrem Blog führte die 27-Jährige aus, wie sie von einem «guten Freund» in dessen Zuhause vergewaltigt wurde. Ihr Vergewaltigungs-Post sorgte für medialen Wirbel.

«Das wollte ich auch erreichen», stellt Morena Diaz klar. Sie habe sich diesen Schritt wohl überlegt und nicht überhastet gehandelt. «Nur wenn ich meine eigene Vergewaltigung öffentlich mache, werden die Medien berichten.»

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English in the comments ll TW / Vergewaltigung: Drei Tage vor Heiligabend hat er nach einem gemeinsamen Abendessen über meinen Körper, mein Herz und meinen Bedürfnissen hinweg entschieden. Mit keiner Faser meines Körpers wollte ich das, was er mir angetan hat und mit keiner Faser meines Körpers konnte ich mich wehren. Es ist wahr, was man in den Zeitungen so liest: Man fällt in eine Art Schockstarre. Man schafft es nicht, sich zu schützen, zu wehren und dem Ganzen rechtzeitig ein Ende zu setzen. Eine Freundschaft, die anfangs 2018 zu blühen begann, endete drei Tage vor Weihnachten in demselben Jahr abrupt. Ich hatte ihm vertraut aber er wollte mehr und holte sich jene Nacht das, was er wollte: meinen Körper. 2019 war für mich eher ein Überleben. Ein Gefühlschaos. Zuerst wollte ich gar nichts mehr fühlen, um den Schmerz nicht zu zu lassen und dann, als ich dem Schmerz kurz die Türen öffnete, traf er mich mit voller Wucht. Der Schmerz kam aber nicht alleine. Er wurde von Angst, Trauer und Wut begleitet. Wut auf ihn, Wut auf alle, die anderen das gleiche angetan haben und antun werden. Wut auf die Gesellschaft, die Gesetze, das Patriarchat, das immer noch Macht über uns Frauen* ausüben darf und kann. 2019 war ein Überleben. 2020 möchte ich leben. Nach und nach loslassen. Dafür musste ich letztes Jahr alle Gefühle und somit auch Heilung zulassen und nach und nach die Scherben auflesen, die in jener Nacht in tausend Stücken umherflogen. Ich wurde vergewaltigt und es tut immer noch weh. Die Scherben lese ich weiterhin jeden Tag auf. Und irgendwann, das weiss ich, werden auch die Ängste weniger, die Wut und die Trauer werden zur gleichen Tür wieder rausgehen. Ich werde wieder komplett ausgelassen tanzen können. Lieben und leben. Was ich ganz sicher weiss ist, dass wir Gesetze anpassen müssen, um endlich Opfer und nicht mehr Täter zu schützen, dass wir Aufklärung brauchen denn mein Fall ist kein Einzelfall. Und dass wir unsere Stimmen erheben müssen. Für jede einzelne von uns. Genau deshalb breche ich mein Schweigen. Ni una menos. ♥️, Link öffnet in einem neuen Fenster

Ein Beitrag geteilt von Morena Diaz, Link öffnet in einem neuen Fenster (@m0reniita) am

Es gehe ihr weniger um ihr persönliches Erlebnis, als darum, auf die Notwendigkeit einer Revision des Schweizer Sexualstrafrechts hinzuweisen. Sex gegen den eigenen Willen ist in der Schweiz nur dann strafbar, wenn sich die Betroffenen nachweislich gewehrt haben.

Morena Diaz
Legende: Morena Diaz, Lehrerin und Bloggerin SRF

«Ich wurde oral vergewaltigt.»

Soziale Medien bieten die Möglichkeit, über die Grenzen hinaus über sexuelle Übergriffe zu berichten und andere Betroffene zu finden.

Eine Frau, die sich mit Morena Diaz solidarisiert, ist Jorinde Wiese (25), Studentin aus Freiburg (D). Ihr war Ähnliches widerfahren; auch bei ihr war der Täter ein Bekannter. «Ich wurde oral vergewaltigt.»

Erst jetzt, sechs Jahre nach der Tat, kann die Studentin aussprechen, was ihr passiert ist. Ekel und Scham sind bei der jungen Frau noch immer präsent. Für viele Betroffene sind soziale Medien eine geeignete Plattform sich zu öffnen.

Es fällt ihnen leichter über Übergriffe und Missbräuche zu schreiben, als darüber mit einem Gegenüber zu sprechen. Jorinde Wiese hat das Erlebte lange Zeit mit sich selbst ausgemacht, nun möchte sie sich nicht mehr verstecken. «Nur wenn wir reden, werden wir für einander sichtbar und können uns so verbinden und gegenseitig stärken.»

Jorinde Wiese
Legende: Jorinde Wiese, Studentin und Bloggerin SRF

Keine Rachegelüste

Auch Bloggerin Mabelle Solano geht es um die Vernetzung mit anderen Betroffenen und nicht um Rache oder Vergeltung. Die zweifache Mutter wurde als 13-Jährige von einem Gleichaltrigen vergewaltigt. Mehr gibt sie von ihrem Peiniger nicht preis.

Lieber teilt sie mit ihrer Online-Community ihre Gedanken und spricht über emotionale Wunden. «Bevor ich auf senden drückte, plagten mich Zweifel», erzählt die 24-Jährige. «Dabei sollte man als Opfer nicht Angst vor den Reaktionen der anderen haben müssen.» Mit ihrem Post möchte Mabelle Solano ein Tabu brechen. «Schliesslich passiert so was jeden Tag irgendwo. Darum sollten wir offen darüber reden.»

Mabelle Solano
Legende: Mabelle Solano, Mutter und Bloggerin SRF

«Selber schuld, du Schlampe!»

Morena Diaz musste für ihre Veröffentlichung einen hohen Preis zahlen. Die Lehrerin, die sich als Body-Positivity-Influencerin auf Instagram im Bikini zeigt, wird im Internet als Lügnerin und Schlampe beschimpft. «Wer sich so präsentiert, muss sich nicht wundern.» Oder: «Du willst ja nur Aufmerksamkeit.» Mit solchen und ähnlichen Kommentaren wird die 27-Jährige konfrontiert. «Ich war auf Hasskommentare vorbereitet. Doch das Ausmass hat mich dann doch getroffen.»

Kein Häufchen Elend

Dass sie sich mit ihrem öffentlichen Bekenntnis Anfeindungen aussetzt, ist sich Schauspielschülerin und Youtuberin Luisa Nübling bewusst. Trotzdem: «Ich will was ändern. Und das Beste, was ich tun kann, ist darüber zu sprechen, was mir passiert ist.»

Die heute 21-Jährige hatte als 15-Jährige sexualisierte Gewalt erlebt. Auch in ihrem Fall war der Täter ein vermeintlich guter Freund, dem sie vertraute. «Mein Nein hat er nicht akzeptiert. Er schlug mich, zog mir die Kleider runter und hat mich angefasst, obwohl ich es nicht wollte.»

Weil sie nach dem Übergriff Panikattacken und Flashbacks erlitt, machte die Schauspielschülerin eine Therapie. Mittlerweile lebe sie gut mit dem Geschehenen und könne sich auch wieder berühren lassen. In ihren Youtube-Videos klärt Luisa Nübling ihre Followers über sexualisierte Gewalt auf – auf eine lockere und humorvolle Weise. «Man muss so ein Thema nicht als Häufchen Elend vortragen. Es ist so schon ernst genug.

Luisa Nübling
Legende: Luisa Nübling, Schauspielschülerin und Youtuberin SRF

Aufklärung statt Tabu

Die betroffenen Frauen wollen mit ihren Bekenntnissen ein Bewusstsein für das Thema schaffen. Sie wollen in den Köpfen etwas ändern und bestehende Machtsysteme aufbrechen. Dabei gehen sie neue Wege. Jorinde Wiese hat die Tat bei einem Poetry Slam vor Publikum vorgetragen.

«Es gibt extrem viele Menschen, die anfangen zu sprechen, viele mutige Frauen. Ich glaube, die Veränderung ist in vollem Gange.»

Diskussion zum Schweizer Sexualstrafrecht:

Video
Sexualstrafrecht – wenn ein «Nein» nicht reicht
Aus Club vom 28.01.2020.
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Dokfilm zum Thema:

Video
Tabu Vergewaltigung – Frauen erzählen
Aus DOK vom 20.01.2016.
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23 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Schweizer Sexualstrafrecht? Welches und vor allem auch für wessen Schutz? Eine beschämende, nicht vorhandene Tatsache der Ungerechtigkeit der unfähigen, desinteressierten "Kuscheljustiz" - auch 2020! Unglaubliche Un-Verhältnismässigkeiten im Schweizer Strafrecht!
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  • Kommentar von Franz NANNI  (igwena ndlovu)
    Ich lebe im Lande mit der wohl hoechsten Vergewaltigungsrate... wo es bis 25 Jahre gibt fuer einfache Vergewaltigung und bis mehrfach Lebenslang fuer Vergewaltigung mit Mord..
    Hat ueberhaupt keinen Effekt... letzte Woche 13 Jaehrige vergewaltigt, umgebracht, gestern 8 Jaehrige umgebracht... was sind wir Maenner nur fuer Ungeheuer...
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  • Kommentar von Susanne Saam  (Biennoise)
    Was sich die Frauen, die solche Traumata erlebten und/oder darüber sprechen, in den Kommentaren lesen/anhören müssen (mit ganz wenigen Ausnahmen - merci!): wirre Theorien über Pornographie und Hormone, latente Schuldzuweisungen, Vergleiche von Sexualität mit einer Speisekarte (mann ist sich durch) und die Unterstellung der Mediengeilheit.
    Eine echte Auseinandersetzung mit der Thematik tönt anders.
    SRF: Kommentarfunktion ausschalten? Aus Rücksicht auf die betroffenen Frauen?
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