Vom Traumschiff zum Albtraum – Alternativ-Pädagogik vor Gericht

  • Mittwoch, 3. Dezember 2014, 22:56 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Mittwoch, 3. Dezember 2014, 22:56 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Donnerstag, 4. Dezember 2014, 5:11 Uhr, SRF 1
    • Montag, 8. Dezember 2014, 11:16 Uhr, SRF 1
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Es begann als «mutiges Pädagogik-Projekt» und endete in menschlichen Tragödien. Im März 2013 stand in Paris der Kinderpsychotherapeut Léonid Kameneff vor Gericht, Gründer der «Schule auf dem Schiff». Jahrelang reiste er mit seinem Schulschiff um die Welt; ein pädagogisches Vorzeigeprojekt.

Der heute 77-jährige Léonid Kameneff gründete die «Ecole en bateau» im Jahr 1969. Es galt als mutiges Alternativpädagogik-Projekt. Kinder und Jugendliche sollten auf seinem Schiff anders und besser lernen, die Schulzeit gar als Abenteuer erleben. Bis 2002 nahmen 400 Schüler im Alter von 10 bis 15 Jahren an den Reisen teil. Begeisterte, manchmal auch überforderte Eltern schickten ihre Kinder ein Jahr, oft länger auf das Schiff. «Wer an Bord kommt, kann zu Neuem aufbrechen», hiess es. Die Schüler hissten die Segel, beteiligten sich an allen Arbeiten auf dem Schiff, machten mit den Erwachsenen Exkursionen auf dem Land.

Doch die Traumschule wurde für viele zum Albtraum. Neun ehemalige «Schiffkinder» sagen vor Gericht aus. Und erzählen im Film von Vergewaltigungen und Missbrauch auf dem Schiff. Heute sind sie zwischen 33 und 46 Jahre alt. Sie berichten, wie sie es ertragen hatten – und schwiegen, weil sie Angst hatten, ihren «Helden Léo» zu enttäuschen.

Wo waren die Eltern? Warum haben sie nicht eingegriffen? Im erschütternden Film von Laurent Esnaut kommen auch zwei Mütter kommen zu Wort.

Laurent Esnault war 13, als er auf dem Schiff war. Er ist als Filmemacher dabei, als das Gericht Léonid Kameneff zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt. Kameneff selbst verteidigte seine «ideale Welt ohne Schranken zwischen Erwachsenen und Minderjährigen» und wollte lange Zeit keine Schuld eingestehen. Am Tag der Urteilsverkündung entschuldigte er sich bei «allen, denen ich wehgetan habe». Pädophil zu sein, stritt Kameneff ab. Er habe «die Kinder ihre Sexualität ausdrücken lassen wollen» und «auf ihr Verlangen antworten wollen». Und er verwies auf die früheren libertären Zeiten nach 1968.

19 Jahre mussten die Opfer auf dieses Urteil warten. Obwohl es bereits 1994 eine erste Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs gegeben hatte, konnte die Schule auf dem Schiff noch bis 2002 Reisen anbieten.

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