Wenn die Krankheit zur Probe für die Beziehung wird

In guten wie in schlechten Zeiten: Doch was passiert, wenn sich die Welt eines Paares tatsächlich verdunkelt? Und wie findet man als Paar aus diesen «schlechten Zeiten» wieder heraus? Autor Dieter Gränicher porträtiert in seinem Film «Geprüfte Liebe» betroffene Menschen.

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Geprüfte Liebe

52 min, aus DOK vom 10.6.2015

Vor sieben Jahren arbeitete ich am Film «Recovery – wie die Seele gesundet», der acht Menschen porträtiert, die über ihren Gesundungsprozess nach einer schweren psychischen Erkrankung erzählen. Es sind Geschichten, die Hoffnung und Mut machen.

Thema mit grosser Sprengkraft

Dadurch wurde mir bewusst, dass ein Film über Partnerschaften mit einem psychisch Erkrankten wichtig sein könnte. Für die Beziehung entwickelt die Krankheit eine grosse Sprengkraft und stellt das Paar vor belastende Herausforderungen, was oft zu Trennungen führen kann.

Andererseits kann es gerade eine solche Liebesbeziehung sein, die dem Erkrankten wieder Stabilität und Zuversicht gibt. Es ist wissenschaftlich untersucht, dass ein gutes soziales Umfeld die Chancen, nicht erneut psychisch zu erkranken, deutlich erhöht.

Gesprächsbereit, aber bitte ohne Kamera

Vor rund zwei Jahren fand ich den Zeitpunkt gekommen, das Projekt anzugehen. Mir war bewusst, dass ich dabei ein Tabuthema aufgreifen würde: Es ist schwierig, in der Öffentlichkeit dazu zu stehen, dass man an einer psychischen Erkrankung leidet.

Erst recht, wenn es darum geht, diese im Zusammenhang mit den wichtigsten Beziehungen darzustellen – dem Partner und den Kindern. Das berührt Intimes und erfordert von mir als Filmemacher viel Respekt und Einfühlungsvermögen.

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Wie den Partner an der Erkrankung Teil nehmen lassen?

2:37 min, vom 10.6.2015

Deshalb führte ich während der Recherche mit vielen Angehörigen Gespräche. Sie schärften meine Wahrnehmung. Ihnen verdanke ich viel. Doch leider erklärte sich kaum jemand bereit, bei einem Fernsehfilm mitzuwirken.

Gesunde Abgrenzung

Umso mehr freut es mich, zwei Paare für den Film gewonnen zu haben, die bereit waren, persönlich und nahegehend zu erzählen.

Mich freute ihr Gespür dafür, was sie öffentlich erzählen wollten, und wo es zu intim wird. Sie waren nie distanzlos. So lassen sie uns an ihren Leben teilhaben und bieten eine Reflexionsfläche für den Zuschauer.

Thema endlich vermehrt im Fokus

Mir ist diese Dokumentation ein grosses Anliegen, weil die Erfahrungen, Sichtweisen und auch Leiden der Angehörigen oft zu wenig wahrgenommen werden, obwohl sie durch die psychische Störung ihres Partners an ihre Grenzen gelangen.

Selbst das professionelle Umfeld, das die Erkrankten betreut, achtet häufig zu wenig auf den mitbetroffenen Partner – und noch weniger auf die Kinder. Umso erfreulicher ist es, dass dieses Thema zunehmend an Bedeutung gewinnt und die Angehörigen immer mehr von Fachleuten in den therapeutischen Prozess einbezogen werden.

Dieter Gränicher

Dieter Gränicher

(*1955) Seit über 35 Jahren realisiert der Filmemacher und Produzent Dokumentarfilme. Zu seinen bekanntesten Kinofilmen gehören «Der Duft des Geldes» (1998), «SeelenSchatten» (2002) und «Pausenlos» (2008).

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