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DOK Wenn Sport zur Droge wird

Regelmässige Bewegung hält gesund, stärkt das Immunsystem und kann positive Auswirkungen auf die Stimmungslage haben. Wohl niemand mag daran zweifeln. Klar ist aber auch, dass zu viel Sport der Gesundheit schadet. Nach Schätzungen ist etwa ein Prozent der Freizeitsportler süchtig nach Bewegung.

Legende: Video «Mein Körper, mein Werk» abspielen. Laufzeit 51:00 Minuten.
Aus DOK vom 07.01.2016.
Hanspeter Bäni 1975 auf dem Albulapass
Legende: Hanspeter Bäni 1975 auf dem Albulapass SRF

In meinen jungen Jahren war ich lizensierter Amateur-Radrennfahrer. Fahrradcomputer und Pulsuhren gab es damals zwar noch keine, und so hatte ich nach dem Training auch keinen Schimmer über die Anzahl verbrauchter Kalorien. Aber strikte Trainingspläne waren mir ein Begriff. Wohl vertraut ist mir auch der innere Zwang, trainieren zu müssen, selbst wenn der Körper lieber eine Regenerationsphase einlegen möchte. Und wenn ich wegen einer Erkältung nicht aufs Rad sitzen konnte, quälte mich stets ein schlechtes Gewissen verbunden mit einem Stimmungstief. Woher kam diese schlechte Laune? War sie Ausdruck einer Sportsucht?

Sportarzt Walter O. Frey, Experte im Film «Mein Körper – mein Werk», klärte mich auf, woher der Drang zur sportlichen Selbstkasteiung stammt: Während des Trainings setzt der Körper Glückshormone frei, die im Fachjargon als Endorphine bezeichnet werden. Endorphine sind körpereigene Opiate. Fehlen diese selbst produzierten Opiate, bleiben auch die Glücksgefühle in der gewohnten Dosierung aus. Um den Organismus wieder in den «Rauschzustand» zu versetzen, braucht es also eine neue Dosis Sport. Dies habe aber noch nichts mit Fitnesssucht zu tun, sagt Experte Frey. Auch wer täglich trainiert, sei nicht zwangsläufig süchtig nach Sport. Sonst wäre ja jeder Leistungssportler sportsüchtig.

Wo also liegt die Grenze zwischen gesunder körperlicher Bewegung und pathologischem Bewegungsdrang? Entscheidend seien Fragen, warum oder auch wie ein Sportler seinen Bewegungsdrang auslebt.

Die 22-jährige Jenny Dietschweiler studiert ihre Posen und Gang bei einem Fitness-Coach ein.
Legende: Die 22-jährige Jenny Dietschweiler studiert ihre Posen bei einem Fitness-Coach ein. SRF

Wie viel ist zu viel?

Ich überlege mir, ob die Alarmglocken läuten müssten, wenn ein Protagonist des Filmes seine Mahlzeiten praktisch nie mit der Familie einnimmt, weil er sich gezwungen fühlt, einen strikten Ernährungsplan mit starren Essenszeiten einzuhalten? Und wie gesund sind die Bemühungen der jungen Kraftsportlerin, gleichzeitig Muskelauf- und Fettabbau durch Diät erzwingen zu wollen? Kann man den Drang zur Selbstdarstellung noch als harmlos bezeichnen, wenn ein Porträtierter zu illegalen Aufbaupräparaten greift, um seine gestählten Muskeln noch besser präsentieren zu können?

Der Begriff «Sportsucht» sei dann angebracht, wenn eine Person den Sport über alles andere stellt und sein soziales und berufliches Umfeld vernachlässigt, weiss Frey. Für Fitness und optisches Aussehen würden solche Menschen jedes Risiko in Kauf nehmen, selbst wenn es der Gesundheit schadet. Sie würden auch bei Verletzungen trainieren (Überbeanspruchung, Ermüdungsbrüche) oder Krankheiten. Haben sie keine Gelegenheit sich auszupowern, könnten körperliche Symptome wie Nervosität, Schlafstörungen oder Depressionen auftreten. Walter O. Frey verweist zudem auf die möglichen Folgen eines ständig überbelasteten Körpers hin: Eine Schwächung des Immunsystems, Schäden an Gelenken, Knochen, Sehnen und Bändern.

Wege aus der Sportsucht

Damit es gar nicht so weit kommt, sei es wichtig, sein Verhalten zu hinterfragen, betont Frey. Wer bei sich Anzeichen zur Bewegungssucht entdecke, solle versuchen, einige Tag bewusst aufs Training zu verzichten. Gelinge das nicht, sollte man sich an einen Arzt oder Psychotherapeuten wenden, empfiehlt Frey. Oft würden nämlich hinter dem Fitnesswahn psychische Probleme stecken, wie vermindertes Selbstwertgefühl oder soziale Ängste. Der Sport werde so zum Ersatz für die Befriedigung psychischer Bedürfnisse.

Hanspeter Bäni 2015 auf dem Albulapass
Legende: Hanspeter Bäni 2015 auf dem Albulapass SRF

Es lebe der (gesunde) Sport

Das Bewegungsprinzip des Hobbysportlers ist idealerweise also nicht auf exzessives Auspowern ausgerichtet, sondern auf moderates Bewegen. Wer sich massvoll nach dem Lustprinzip bewegt, tut viel Gutes für Herz, Kreislauf, Bewegungsapparat und Gehirn. Studien belegen auch, dass regelmässige ausdauer- und koordinationsbetonte Aktivitäten einen wichtigen Schutzfaktor für die geistige Leistungsfähigkeit des Gehirns haben. Neue Nervenzellen werden durch Bewegung gebildet und miteinander vernetzt. Da muss was dran sein, sage ich mir. Schon oft flog mir nämlich beim Velofahren eine Inspiration zu und blieb nachhaltig hängen. Genau so entstand übrigens die Idee zu diesem Film. Kein Witz!

10 Kommentare

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  • Kommentar von Hendrik Meister, Bern
    Ich mag diesen jungen Menschen ihren Lebensinhalt gönnen. Es gibt Dümmeres als sich sportlich selbst zu verwirklichen. Bedenklich finde ich, dass viele dieser Sportler ohne wissenschaftlich-fundierte Ausbildung in den Beratungssektor wechseln. Ich habe schon mit Personal Trainern und Fitnessangestellten gesprochen und war schockiert, wie wenig physiologisches und medizinisches Grundlagenwissen vorhanden ist. Erfahrung ist etwas Subjektives, damit lässt sich Geld machen - aber es birgt Gefahren.
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    1. Antwort von Cornel Saurer, Bern
      Der Film regt zum Nachdenken an. Das Bodybuilding, die Ernährung und ihr Aussehen sind der Lebensinhalt der Protagonisten. Sie könnten ebensogut exzessiv ein Musikinstrument spielen oder im Internet einen Blog führen. Was sie tun gibt ihnen Sicherheit und Halt, was wichtig ist in einer Welt, die sich immer schneller dreht. Da sie jedoch die Umwelt ausblenden, sich alles nur um das Aussehen, die Form, dreht, besteht das Risiko zum tiefen Fall. Was bleibt, wenn ihr Lebensinhalt einmal wegfällt?
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  • Kommentar von Natan Sbampato, Sursee
    Dieser Reporter ist sehr sehr nervig! All diese Negative Fragen und immer diese Provokation! Dies ist eine Doku und sollte das Urteil über Positiv / Negativ beim Zuschauer lassen, jedoch wid einem diese entscheidung "Abgenommen". Bitte in Zukunft etwas neutraler! Vorallem Alessandro ist sehr Symphatisch und seine Einstellung und Disziplin ist sehr Bewundernswert und für sein Alter nicht alltäglich. tl dr: Privokativer mühsamer Reporter, Symphatische Leute, bewundernswert.
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    1. Antwort von Max Schneider, Sursee
      Der Aussage, dass die Produzenten den Zuschauern die Urteilsfällung abnehmen kann ich nicht zustimmen. Das tun eher die Antworten der Darsteller. Auffallend und bedenklich ist, dass diese Sportler neben dem Fitness und der Ernährung kaum eine andere Beschäftigung/Sache nennen konnten, die in ihrem Leben wichtig ist. Gebe Ihnen recht, dass sie Leute sympathisch sind und die Disziplin bewundernswert ist! Jedoch gehts bei ihnen schon langsam in Richtung Exzess.
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  • Kommentar von Anna Schärer, Spiegel - BE
    Im Zusammenhang mit Fitness haben weitere aktuelle Themen wie "Extremsport" und "Hochleistungsfitness" wie z.B. Crossfit gefehlt. Gerade CF wird in ganz Europa zunehmend populär. Da steht eine andere Ideologie u Motivation dahinter, als es im Bodybuilding der Fall ist (Aussehen). Hier geht es um stark leistungsorientierte (schneller, mehr Gewicht, technisch schwierigere Bewegungsabläufe) Fitness.
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