Wie es zum «DOK»-Film über Russlands berühmtesten Ex-Häftling kam

2010 schrieb Russlands prominentester Häftling einen Brief an den Schweizer Filmautor Eric Bergkraut. Aus dem Briefwechsel mit dem ehemaligen Öl-Tycoon und Widersacher Putins ist ein Dokfilm entstanden. Bergkraut geht dabei auch der Frage nach, wie es heute um die Opposition in Russland steht.

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Wie sich Chodorkowski nach Jahren der Haft verändert hat

0:51 min, vom 14.9.2016

Die russischen Parlamentswahlen dürften ohne jede Überraschung ausgehen, Wladimir Putin hat sein Land im festen Griff. Nach den letzten Wahlen zur Duma war das anders gewesen. Wegen der zahlreichen Unregelmässigkeiten kam es in Moskau und St. Petersburg zu ausgedehnten Demonstrationen, der Geruch der Revolution lag in der Luft. Mittlerweile wurden Gesetze verschärft, viele Oppositionelle verliessen das Land, der Druck auf die verbleibenden unabhängigen Medien nahm noch einmal zu.

Wie eh und je ist die übrig gebliebene Opposition zerstritten. Es ist ja auch gefährlich, sich gegen die Regierung zu stellen und gegen die Interessen, die sie vertritt – lebensgefährlich zuweilen. Da richtet sich der Blick leicht auf Michail Chodorkowski, eine Symbolfigur der letzten Jahrzehnte russischer Geschichte. Im sowjetischen System gross geworden, erkannte er blitzschnell die neuen Möglichkeiten der kapitalistischen Ordnung und nutzte sie geschickt und ohne Skrupel für seine Ziele.

Für viele Bürger stellte der Zusammenbruch des alten Systems zunächst eine Katastrophe dar, die Armut und Verzweiflung mit sich brachte. Chodorkowski, Macher durch und durch, stieg zunächst im Bankensektor auf, um dann ins Energiegeschäft zu wechseln. So wurde er zum reichsten Mann im Land. Als anspruchsvoller, leistungsorientierter Unternehmer schuf er neue Arbeitsstellen, förderte Bildung und Forschung – und später auch unabhängige Medien und Parteien.

Im Gegensatz zu anderen sogenannten Oligarchen, die genau wie Chodorkowski geschickt zwischen Macht, Politik und Wirtschaft jonglierten, jede Grauzone nutzten oder sie auch selber schufen, dachte Chodorkowski später weder daran, seine Heimat zu verlassen, noch sich Wladimir Putins ab 2003 immer autoritärer werdendem Kurs zu unterwerfen. Das führte ihn letztlich ins Gefängnis, wo er sich über zwei Prozesse und zehn Haftjahre hinweg den Respekt vieler Landsleute erwarb, die ihm früher kritisch gegenüber gestanden waren.

Wie es zum Film gekommen ist

Im Mai 2010 schrieb mir Michail Chodorkowski zum ersten Mal aus dem Gefängnis. Der Kontakt war über gemeinsame Bekannte zustande gekommen. Er wusste, dass ich schon zwei Filme zu Russland gemacht hatte. Einen über tschetschenische Frauen, die mutig Menschenrechte eingefordert hatten (Coca – The Dove from Chechnia, 2005); einen anderen – posthum – über die ermordete Journalistin Anna Politkovskaja (Letter to Anna, 2008).

Je mehr ich in den folgenden Jahren über den ehemaligen Öl-Tycoon erfuhr, desto vielschichtiger wurde mein Bild. Und umso deutlicher, weshalb Wladimir Putin ihn eingesperrt hatte: Chodorkowski kämpfte – und kämpft weiterhin – für eine offene, pluralistische Gesellschaft.

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«Ich bin Kämpfer»

1:08 min, vom 14.9.2016

Natürlich ist es in Sachen Russland einfacher zu sagen, gegen wen man ist, als für wen. Michail Chodorkowski ist eine schillernde Figur. Von seinen Qualitäten überzeugt, dann wieder überraschend scheu. Ein Mann, der einen Plan verfolgt, ein Stratege, der nur zu gerne auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen würde: Russland nach Europa zu führen. Jedenfalls entstand aus dem Briefwechsel heraus eine Arbeit, die nicht immer einfach war.

Ich begriff schnell, dass bei aller Brieffreundschaft jede Begegnung mit mir auch im Zusammenhang mit Chordorkowskis strategischen Zielen stand, er war ein Politiker geworden. Ich entschloss mich daher, diese Frage transparent zu machen und im Film zu reflektieren.

Niemals wollte ich Russland als ein etwas zurückgebliebenes Land zeigen. Der Kampf um die Einhaltung der Menschenrechte ist universell. Es ist kein Zufall, dass reaktionäre Kräfte in Westeuropa Unterstützung im Kreml suchen. Gemeinsam im Kampf für vermeintliche «Werte» und gegen die sogenannte Dekadenz in Westeuropa. Insofern verstehe ich vieles an meinem Film auch als ein Beispiel.

    • Eric Bergkraut

      Bildlegende: Eric Bergkraut SRF

      Zum Autor

      Eric Bergkraut ist 1957 geboren und studierte an der Schauspielakademie Zürich, bevor er während sieben Jahren als Schauspieler für Theater und Film gearbeitet hat. Filmen lernte er «by doing», auch beim Schweizer Fernsehen, dem er durch seine Arbeit für 3sat weiterhin eng verbunden ist. Im Verlaufe der Jahre entstanden für TV und Kino etliche Dokumentarfilme, die Eric Bergkraut selber produziert hat und die verschiedene internationale Preise erhielten.

«DOK» am Mittwoch

«Citizen Khodorkovsky», 14. September, 22:55 Uhr, SRF1.

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