An Leib und Seele gebrochen: Kriegsmedizin im ersten Weltkrieg

Der erste Weltkrieg hat einen hohen Blutzoll gefordert: 20 Millionen verwundete Soldaten, fast 10 Millionen liessen ihr Leben auf den Schlachtfeldern. Viele dieser Toten und Verwundeten haben aber auch zum medizinischen Fortschritt beigetragen.

Soldat mit amputiertem Bein
Bildlegende: Ein Kriegsinvalide im Jahr 1923. Bundesarchiv/Wikimedia Commons

So war der erste Weltkrieg die Geburtsstunde der plastischen Chirurgie. Neue Munition und neue Waffen führten zu neuen schweren Verletzungen. Riesengrosse Granatsplitter hinterliessen empfindliche Verletzungen, nicht selten im Gesicht. Aber auch kleine Granatsplitter waren lebensgefährlich. Eine Infektion bedeutete regelmässig: Amputation. Was wiederum die Entwicklung von technisch ausgeklügelten Prothesen zur Folge hatte.

Der erste Weltkrieg war der erste moderne Krieg: Ärzte zogen mit mobilen Röntgengeräten, Mikroskop und Reagenzglas ins Feld - darunter auch Schweizer Ärzte. Einige hatten zwecks medizinischer Versuche sogar Meerschweinchen im Gepäck. So wurde die Weilsche Krankheit, eine Art Gelbsucht, entdeckt. Nicht selten betrachteten Ärzte das Kriegsfeld als riesiges Labor: So waren Serum und Erreger der Tetanus, des Starrkrampfs, bekannt. Nicht aber die ebenso wichtige Dosierung, welche die Ärzte erst im Krieg bestimmen konnten.

Im ersten Weltkrieg hat auch die Bluttransfusion ihren Siegeszug angetreten. Heute ist sie aus dem medizinischen Alltag nicht mehr wegzudenken. In der zivilen Welt damals weitgehend unbekannt, konnte das erst um die Jahrhundertwende gewonnene Wissen um die Blutgruppen, im Feld angewendet werden.

Leid und Nutzen waren nahe beieinander: Dank des Wissens um hygienische Bedingungen und erste Impfungen überlebten viele Soldaten am Leib, nicht immer aber an der Seele. Viele Soldaten sind als sogenannte «Kriegszitterer» schwer traumatisiert aus dem Krieg nach Hause zurückgekehrt. Mit elektrischen Strömen, Dauerbädern und Liegekuren versuchte man sie zu kurieren. Im negativen Sinne haben wir auch aus der Psychiatrie des ersten Weltkriegs gelernt. Die Psychiatrie, damals rein naturwissenschaftliche Disziplin, hat sich wenn auch langsam entwickelt und die Erlebnisse des Soldaten in den Mittelpunkt des Heilungsprozesses gestellt. Es sollten noch Jahrzehnte vergehen, bis 1980 die «Posttraumatische Belastungsstörung» als Krankheit anerkannt wird.

Redaktion: Regula Zehnder