Der Nuggi - Das Phänomen im Kinderbett

In der Schweiz wachsen 8 von 10 Sprösslingen mit einem Nuggi auf. Der unscheinbare Verbrauchsgegenstand wird bald zum ständigen Begleiter. Er befriedigt das angeborene Saugverhalten und beruhigt. Manche Eltern treibt der Nuggi jedoch in den Wahnsinn, spätestens dann, wenn er wieder weg soll.

Verschiedene Schnuller im Kinderbett.
Bildlegende: In drei Jahren verbraucht ein Kind durchschnittlich 30 Nuggis. Colourbox

Einer der ersten persönlichen Gegenstände im Leben vieler Kinder ist der Nuggi. «Nicht jedes Kind braucht einen Nuggi», sagt Oskar Jenni, Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Universitätskinderspital Zürich. «Eltern sollen beobachten, ob ihr Kind einen Nuggi annimmt oder nicht. Denn jedes Kind hat ein individuelles Saugverhalten und somit eigene Bedürfnisse.» Zahnärzte raten, Nuggis seien besser als das Saugen am Daumen. Spätestens beim Wechsel der Frontmilchzähne sollte das Kind aber auf jegliche Art von Nuckeln verzichten.

Pro Jahr werden in der Schweiz 1,6 Millionen Nuggis verkauft. 400'000 Stück davon produziert die einzige Nuggifabrik der Schweiz im zürcherischen Regensdorf. Seit 1938 vertreibt die Lamprecht AG ihre Marke «Bibi» und exportiert diese in über 30 Länder. Nicht überall auf der Welt ist der Nuggi gleich akzeptiert. So gelte in Indien der Nuggi als Zeichen der Schwäche, erzählt Nico Issenmann, CEO der Lamprecht AG: «Der Nuggi soll signalisieren, dass die Mutter nicht fähig ist, ihr Kind selbst zu beruhigen. Für mich eine fragliche Haltung.»

Die Vorgänger des heutigen Nuggis dienten zugleich der Nahrungszufuhr. Schon die alten Ägypter und die Römer liessen ihre Kinder an Tongefässen nuckeln, im Mittelalter waren gefüllte Kuhhörner populär. Später liess man die Kinder an zusammengebundenen, gefüllten Stofflappen saugen. Edle Familien konnten sich gar einen Nuggi aus Elfenbein leisten. Ein solches Exemplar liegt im Kindermuseum Baden. «Dieser exklusive Nuggi ist etwa 200 Jahre alt und wurde wohl durch den Kolonialhandel in die Schweiz gebracht», sagt Museumsleiter Roger Kaysel.

Zwischen dem Kind und seinem geliebten Nuggi kann sich eine innige Beziehung entwickeln. Wie nur soll man dem Kind das «Nuggele» abgewöhnen? Man soll sich damit genug Zeit lassen und den Schritt bewusst zusammen mit dem Kind und nicht heimlich durchführen, rät Eveline Männel Fretz von Pro Juventute Schweiz: «Nuggientwöhnung ist ein ideales Thema, um sich wieder bewusst mit folgenden Fragen auseinander zusetzen: Wie ist unser künftiges Familienklima? Wie wollen wir zusammenleben? Was sind unsere Werte?»

«Nuggi»-Entwöhnung – Kreativität ist gefragt

Redaktion: Krispin Zimmermann