Indien - ein tödlicher Platz für Mädchen

Zwei Vergewaltigungen in Indien haben in den letzten Wochen für Schlagzeilen gesorgt. Diese zwei Fälle wurden publik, die meisten kommen aber gar nie ans Licht. Und eigentlich beginnt die Gewalt gegen Frauen und Mädchen viel früher - nämlich schon vor der Geburt. 

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In Indien haben Kindstötungen und Abtreibungen Tradition. Sowohl ärmere Familien auf dem Land als auch wohlhabende Eltern in den Städten treiben ihre Mädchen ab - Schätzungen sprechen von 50‘000 abgetriebener weiblicher Föten pro Monat. Auch die letzte Volkszählung Indiens belegt dies: auf 1000 Knaben zwischen 0 und 6 Jahren kamen 2011 nur 914 Mädchen, das schlechteste Geschlechterverhältnis seit der Unabhängigkeit Indiens 1947.

«Geld bringen die männlichen Familienmitglieder»

«Indien ist eine sehr patriarchale Gesellschaft», sagt die indische Professorin Shalini Randeria, die seit Jahren in der Schweiz lehrt. Zwar helfen die Mädchen im Haushalt bis zu ihrer Heirat, aber Geld bringen die männlichen Familienmitglieder. Mädchen hingegen kosten, spätestens dann, wenn sie verheiratet werden sollen: Denn obwohl die Mitgift verboten ist, zahlen Eltern für ihre Töchter eine Mitgift zum Teil in der Höhe eines Jahreslohnes. Kommt hinzu, dass die Mädchen nach der Heirat ihr Elternhaus verlassen und zur Familie des Mannes ziehen.

Ultraschallkliniken schiessen wie Pilze aus dem Boden

Zudem wird auch in Indien die Zwei-Kind-Familie immer populärer und somit der Wunsch nach einem Sohn immer grösser - spätestens beim zweiten Kind. Zwar ist das Bestimmen des Geschlechts der Föten seit 1994 verboten, doch Ultraschallkliniken schiessen wie Pilze aus dem Boden und mit leichten Ultraschallgeräten, die man ins Auto packen kann, kommt man in den hintersten Winkel des grossen Landes. «Die Ärzte und das medizinische Personal in Indien profitiert davon und auch für die Industrie ist es ein gutes Geschäft», meint Sabu George, ein Aktivist in Neu Delhi, der sich seit über 20 Jahren gegen die Abtreibungen einsetzt.

Frauen, die Mädchen geäbren, haben einen schweren Stand

Diesen Wunsch nach einem Sohn bekam auch Mitu Khurana zu spüren, als sie vor gut sieben Jahren mit Zwillingen schwanger wurde. Schnell kam die Diskussion rund um das Geschlecht der Kinder auf - nicht bei ihr, sondern bei ihrem Mann und seiner Familie, mit der sie ganz nach indischer Tradition, zusammen wohnten. Nur mittels eines Tricks gelang es ihrem Mann und seiner Familie, das Geschlecht zu bestimmen: zwei Mädchen. Diese sollten nicht zur Welt kommen, wäre es nach dem Willen ihres Mannes gegangen, der fortan versuchte, seine Frau zu töten oder eine Fehlgeburt auszulösen, was ihm auch halbwegs gelang: Die Kinder kamen viel zu früh zur Welt. Doch sie und ihre Mutter überlebten.

Gesetz wird nicht umgesetzt

Zurück zu ihrem Mann wollte die junge Mutter jedoch nicht mehr, denn dieser zeigte kein Interesse an seinen Töchtern. Mitu Khurana zeigte daraufhin ihren Mann an. «Die Polizei und die Politiker aber machen mich zur Schuldigen, nicht meinen Mann. Ich soll ihm doch einfach einen Sohn schenken, sagten mir die Polizisten, die mich schützen sollten», erzählt Mitu Khurana. Für sie tragen v.a. die Politiker und Behörden die Verantwortung für die Abtreibungen weiblicher Föten, denn sie setzten das Gesetz nicht um.

Autor/in: Regula Rutz