Die US-Wirtschaft will sich die Präsidentschaft kaufen

Es ist der teuerste Wahlkampf aller Zeiten: Barack Obama oder Mitt Romney – das aktuelle Rennen ums US-Präsidentenamt kostet rund 3 Milliarden US-Dollar. Das ist doppelt so viel wie noch vor 4 Jahren.

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ECO-Spezial vom 15.10.2012

26 min, aus ECO vom 15.10.2012

Es sind Konzerne und mehrheitlich konservative Milliardäre, die TV-Werbespots, Wahlkampf-Auftritte und Werbe-Plakate finanzieren. Die Spenden fliessen dabei häufig nicht direkt zu den Kandidaten, sondern über spezielle Organisationen, sogenannte «Super PACs». «ECO» hatte die Gelegenheit, einen der wichtigsten Akteure der verschlossenen Organisationen zu begleiten: Jonathan Collegio, Kommunikations-Stratege von «American Crossroads». Sein Super PAC allein wird nach eigenen Angaben rund 300 Millionen US-Dollar in den Kampf ums Weisse Haus stecken.

Tilman Lingner

Bildlegende: Tilman Lingner, Autor der Sondersendung. SRF

Erstmals präsentiert Moderator Reto Lipp eine «ECO»-Sendung aus dem Ausland. Autor des US-Schwerpunkts ist ebenfalls ein bekanntes Gesicht: «ECO»-Redaktor Tilman Lingner, ehemaliger USA-Korrespondent des Schweizer Fernsehens.

Interview mit Reto Lipp und Tilman Lingner

Reto Lipp, Tilman Lingner, warum interessiert sich ein Schweizer Wirtschaftsmagazin für politische Wahlen in den Vereinigten Staaten?

Reto Lipp: Was in den USA wirtschaftspolitisch passiert, hat gewaltige weltwirtschaftliche Auswirkungen. Nicht zu vergessen ist, dass die gegenwärtige, bereits 5-jährige Krise mit einem Immobilien- Crash Dramatischer Abfall der Börsenkurse innerhalb kurzer Zeit. In einer Kettenreaktion verkaufen Anleger ihre Wertpapiere, oft wegen Befürchtungen einer Wirtschaftskrise und aus Angst davor sonst ihre Ersparnisse zu verlieren. Crash in den USA begonnen hat. Wer also das Lenkrad in den USA in der Hand hat, bestimmt auch wesentlich mit, wie es weltwirtschaftlich weitergeht. Von daher muss es uns interessieren, welche wirtschaftlichen Konzepte in den USA die Meinungshoheit gewinnen. Die Folgen werden auch bei uns in Europa spürbar sein.

Tilman Lingner: Dazu kommt: Der Wahlkampf ist in den USA ein Milliarden-Geschäft, und wir als Wirtschaftsmagazin nehmen dieses Geschäft unter die Lupe. Das Thema ist höchst aktuell, denn: Das Oberste Gericht hat 2010 die Wahlgesetzgebung geändert und der Wirtschaft einen Freipass gegeben, unbeschränkt Gelder in den Wahlkampf zu pumpen.

Was wird für den Zuschauer am Montag überraschend sein?

Tilman Lingner: Ich denke, wir können einige interessante Inhalte bieten: Etwa, dass die Regeln für den Wahlkampf fast zwangsläufig zu einer Schlammschlacht führen und dass ein paar wenige Multi-Milliardäre versuchen, die Wahlen nach ihrem Gusto zu beeinflussen. Oder auch, dass viel Geld allein nicht unbedingt ein Problem für die Demokratie ist, viel Geld von ein paar wenigen Oligarchen aber sehr wohl.

Sie waren gemeinsam vor Ort. Was macht einen solchen Moderationsdreh im Ausland schwieriger – oder auch einfach: anders?

Reto Lipp: Moderationen vor Ort sind immer sehr herausfordernd, weil man nie genau planen kann, was passiert. In den USA sind mir zwei Aspekte aufgefallen: Die rigorosen Sicherheits-Checks in Washington, aber auch in New York. Wo immer man sich befindet, innert kürzester Zeit taucht ein «Security»-Angestellter auf, der dann immer irgendeinen schriftlichen «Permit» sehen will. Glücklicherweise sind wir in der Schweiz diesbezüglich noch etwas liberaler und weniger bürokratisch. Interessant war auch, dass Passanten in den USA von Kameras viel stärker elektrisiert sind als hierzulande. Wird hier ein Film gedreht? Sind Sie von den CBS-News? Das waren Fragen, die mir öfters gestellt wurden. In der Schweiz wird man bei einem Dreh weniger beachtet.

Tilman Lingner: Und in der Vorbereitung ist das Hauptproblem für ein ausländisches Medium wie das Schweizer Fernsehen: Wir können nicht in den USA gesehen werden. Wer bei uns auftritt, kann sein Klientel, seien das nun Wähler oder Käufer, nicht direkt ansprechen. Ein Auftritt bei uns ist für die Interviewten «l’art pour l’art», er bringt ihnen keine Vorteile. Politiker und Wirtschaftsführer haben also nur bedingt Interesse mit uns zu sprechen. Es braucht daher viel Charme, Ausdauer und Geduld. Manchmal hilft Schweizer Schoggi.

«  Manchmal hilft Schweizer Schoggi »

Tilman Lingner, es ist ja kein Zufall, dass gerade Sie der verantwortliche «ECO»-Redaktor für die Sondersendung zu den US-Wahlen sind: Sie waren von 2005 bis 2012 USA-Korrespondent für das Schweizer Fernsehen. Wie war es, wieder vor Ort zu arbeiten?

Tilman Lingner: Ich habe seit meiner Rückkehr in die Schweiz auch stets ein Auge auf die USA gehalten und wusste, dass der US-Wahlkampf auch in unserem Magazin stattfinden muss. Als wir dann sahen, wie komplex das Thema ist und wie wenig bisher darüber berichtet wurde, haben wir uns zu einer Sondersendung entschlossen. Nach 9 Monaten Schweiz wieder in Washington zu arbeiten, war wunderbar. Ich hatte ganz vergessen, dass sich die Hauptstadt auch noch im Spätsommer wie ein Dampfbad anfühlt.

Nur wenige hierzulande kennen die Vereinigten Staaten so gut wie Sie. Was hat Sie damals überrascht, als Sie in die USA gezogen sind?

Tilman Lingner: Amerika ist eine Supermacht, das Land der Superlative in Kunst, Technik, Wissenschaft – so das Klischee. Doch dem Land fehlt das solide Mittelmass: Die Infrastruktur des Landes ist im letzten Jahrhundert stehen geblieben, das öffentliche Verkehrsnetz ist rudimentär, die gesellschaftliche Mittelschicht ist auf dem absteigenden Ast. Einer schrumpfenden Elite steht die Masse der schlecht Ausgebildeten, schlecht Bezahlten und zusehends Verarmenden gegenüber. Politisch treibt das Land auseinander nach links und rechts. Amerika muss seine Mitte wiederfinden. Das ist die Herausforderung der Zukunft.

Was haben Sie, Reto Lipp, Neues über die USA gelernt?

Reto Lipp: Es kommt mir ein bisschen vor wie hier in der Schweiz. Alles spricht von Krise, nur merkt keiner etwas davon. Die Restaurants in Washington und New York waren trotz für die USA hoher Preise übervoll, die Hotels waren gut gebucht und der Tourismus in New York läuft auch nicht schlecht. Nun weiss ich, dass wir nicht in den wirtschaftlich schwierigen Gebieten unterwegs waren, New York nicht repräsentativ für die USA ist und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten gewisser Regionen enorm sind. Mich frappiert aber immer wieder die Diskrepanz zwischen der erlebten Realität vor Ort und der veröffentlichten Meinung.

Ihre Einschätzung: Wer wird die Wahl gewinnen?

Tilman Lingner: Bis heute stand sich Mitt Romney mit seiner hölzernen Art selbst am meisten im Weg im Kampf um die Präsidentschaft, aber die Lernkurve zeigt nach oben. Es wird knapp werden. Am Ende könnten die Super PACs mit ihren Abermillionen von Dollars den Ausschlag geben. Und damit Romney zum Sieg verhelfen.

Reto Lipp: Ich glaube auch, dass es äusserst knapp werden wird. Mitt Romney wirkt am TV deutlich besser, als ich das aufgrund der Presseberichte in Schweizer Zeitungen über ihn erwartet hätte. Da wird er gerne als hölzern, abgehoben und humorlos beschrieben. Barack Obama muss in den nächsten Fernseh-Debatten deutlich zulegen. Insgesamt gehe ich aber immer noch, im Gegensatz zu Tilman Lingner, von einem hauchdünnen Sieg von Obama aus.