Diebstahl? Schiesserei? Tatorte aus dem Computer

Computerprogramme können ausrechnen, wo ein Raubüberfall oder eine Schiesserei zu einem gegebenen Zeitpunkt wahrscheinlich ist. Damit kann die Polizei gezielter ermitteln. Die kalifornische Stadt Santa Cruz ist einer der ersten Orte, in denen Big Data auf Patrouille mitfährt. SRF war dabei.

Eine Strasse in Santa Cruz, Stromleitungen hängen über die Strasse, am Ende kann man ein blaues Schild erkennen, auf dem "Santa Cruz Beach" steht, dahinter hohe Palmen.

Bildlegende: Trügerische Ferien-Idylle: In Santa Cruz südlich von San Francisco wird Software zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt. Paola Capuano

Polizeioffizier Brent Northrup geht mit einem Computer auf Streife. Das Gerät ist rechts von ihm auf dem Armaturenbrett installiert. Immer wieder tippt er etwas ein. Er hat ein Blatt dabei, auf dem fünf Adressen geschrieben sind. Die hat ihm das Computerprogramm Predpol angegeben.

«Das Programm gibt uns genaue Adressen an», sagt er, «gemeint ist jeweils das Gebiet um die Adresse herum, zum Beispiel hier: Eine Filiale der Drogeriekette CVS. Dort kommen oft Diebstähle vor. Zudem liegt das Flussbett in der Nähe. Dort rennen die Räuber jeweils hin, um sich zu verstecken.»

Zu dieser Drogerie ist er unterwegs. Als er vorfährt, steht ein junges Paar gerade vor der Filiale und wartet. «Wie geht es euch», sagt der Polizist, «wartet ihr auf jemanden»? Er erinnert sie daran, dass man hier nicht herumhängen darf – das ist in den USA auf privatem Grund verboten.

Gezielte Intervention

Brent Northrup sitzt mit dunkler Sonnenbrille im Auto, neben ihm sieht man seine beiden Gewehre.

Bildlegende: Brent Northrup auf dem Weg zur Drogeriefiliale, die das Programm Predpol ihm angegeben hat. Paola Capuano

Das Software-Programm helfe, die richtigen Orte für die Patrouille auszuwählen, erklärt Northrup – andere Orte, als er vielleicht sonst kontrollieren würde: «Unten am Strand gibt es eine Gegend, in der sich die Gangs aufhalten», erzählt er, «dort gehen wir oft hin, denn Gangs sind bekanntlich gewalttätig. Dadurch könnten wir aber einen anderen Ort vernachlässigen».

Das Polizeikorps in Santa Cruz ist eines der ersten in den USA, das sogenanntes «predictive policing», also die voraussagende Überwachung, einsetzt. Vizedirektor Steve Clark steht vor einer Karte der Stadt, die auf dem Polizeiposten an die Wand projiziert ist. Er führt das Programm vor. Es erfasst Autodiebstähle, Einbrüche, Überfälle, Schiessereien und Gangaktivitäten. Je nachdem, welche Straftaten und welche Schicht Clark für die Patrouille anklickt, erscheinen fünf Quadrate an unterschiedlichen Orten auf der Karte. Dort ist die Wahrscheinlichkeit am grössten, dass etwas geschieht.

Gedächtnisstütze für die Polizei

Das BIld zeigt das Programm Predpol, also eine Karte der Stadt Santa Cruz mit mehreren roten Quadraten, die anzeigen, wo Straftaten zu erwarten sind.

Bildlegende: Das Programm Predpol zeigt mit Hilfe roter Vierecke an, wo in Santa Cruz Straftaten zu erwarten sind. Paola Capuano

Das Programm wertet Statistiken der letzten sieben Jahre aus. Darin liege der Vorteil von Big Data, sagt der Polizeivizechef: «Polizisten haben ein gutes Gedächtnis. Aber sie können sich nicht daran erinnern, was für Straftaten an einem bestimmten Tag in einem bestimmten Quartier begangen wurden. Da kann uns der Computer helfen.»

Die kalifornische Küstenstadt Santa Cruz zählt 60'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Im Sommer und an schönen Wochenenden wächst die Bevölkerung der beliebten Surf- und Stranddestination regelmässig auf das Doppelte an. Eine grosse Herausforderung, sagt der Vizepolizeichef. Das Computerprogramm helfe, die Ressourcen möglichst effizient einzusetzen.

Messbare Erfolge

Seit der Einführung von Predpol im Juli 2011 ist die Kriminalität in Santa Cruz um sechzehn Prozent gesunken. Es wird mittlerweile auch in Los Angeles, Seattle, Atlanta, Montevideo und England eingesetzt und arbeitet dort auch mit Kriminalitätsstatistiken aus fünf bis zehn Jahren. Daten zum urbanen Umfeld, zur Bebauungsdichte etwa, fliessen ebenfalls in den Algorithmus ein, um Straftaten vorauszusagen.

Steve Clark, ein Mann mit halber Glatze, sitzt an einem Tisch. Man sieht, dass er gerade etwas erklärt, weil er gestikuliert und sich in Richtung der Reporterin lehnt.

Bildlegende: Polizeichef Steve Clark im Interview mit SRF. Paola Capuano

Predpol analysiert Orte, nicht Menschen. Es gibt aber auch Computerprogramme, die mit Hilfe von Big Data die Wahrscheinlichkeit vorhersagen, dass ein Individuum straffällig wird. Sie werden in verschiedenen US-Staaten beim Strafvollzug eingesetzt, um Entscheide über Haftentlassungen zu fällen.

Sicherheit vs. Datenschutz

Ist es möglich, dass eines Tages, wie im Hollywoodfilm «Minority Report», Menschen vor der Tat verhaftet werden könnten? «Ich hoffe, es kommt nie soweit!», sagt Steve Clark, «wenn ich für Sachen, die ich gedacht habe, hätte verhaftet werden können, wäre ich noch immer im Gefängnis».

Die Macht von Big Data kann also zwiespältig sein, wenn es um Datenschutz geht. Das findet auch der Vizepolizeichef: «Wir müssen uns genau überlegen, als Polizei, aber auch als Gesellschaft: Was sind wir bereit, im Namen der Sicherheit zu opfern? Ich masse mir nicht an, die Antwort auf diese Frage zu haben.


Mit Big Data Verbrechen verhindern

5:16 min, aus Rendez-vous vom 03.10.2014

Ein Interview mit einem Mathematiker, der die Software der Polizei von Santa Cruz mitentwickelt hat, finden Sie hier.