«Ein Roboter-Gefährte sollte Menschen auch widersprechen»

Die SRF-Serie «Science oder Fiction» richtet den Blick in die Zukunft – mit Hilfe aktueller Trends und Erkenntnisse aus Forschung und Technik. Karlheinz Steinmüller, renommierter Zukunftsforscher und selbst Science-Fiction-Autor, hat sich eine Folge genauer angeschaut. Das Interview.

Ein Experte bereitet einen Roboter mit mensch-ähnlichem Gesicht für eine Ausstellung in Washington vor.

Bildlegende: Roboter-Prototyp aus Prothesen: Vorbereitungen zur Ausstellung des «Bionischen Mannes» in Washington. Das System besteht aus mensch-ähnlichen Bauteilen. Reuters

SRF: Herr Steinmüller, in seiner Serie «Science oder Fiktion» entwickelt der Physiker Michio Kaku das futuristische Konzept eines Robotergefährten des Menschen. Kurz gesagt: Glauben Sie daran?

Karlheinz Steinmüller: Ja, durchaus. Es gibt sie ja hier und dort auch schon, wie die Roboter-Kuschelrobben für Senioren in japanischen Altenheimen. Ich gehe davon aus, dass wir zur Mitte des Jahrhunderts ziemlich viele Robotergefährten haben werden.

Sicher?

Ja; vielleicht nicht in jedem Haushalt, wie es die südkoreanische Regierung bis zum Jahr 2020 als Ziel für ihr Land formuliert hat. Das werden sicher nicht alles echte Robotergefährten sein, aber es sagt aus, wie weit wir schon sind.

Hatten Sie als Fachmann eigentlich Spass beim Schauen der Serie?

Der hat sich in Grenzen gehalten, ehrlich gesagt. Michio Kaku macht die TV-Serie grundsätzlich und didaktisch; das liegt mir nicht so. Und es fehlen Aspekte, die sehr interessant wären. Wie die Frage, wie Robotergefährten der Zukunft überhaupt mit Menschen interagieren sollen.

Mittlerweile beschäftigen sich Fachleute zudem mit möglichen Folgen solcher Systeme, nicht wahr?

Ja, auch mit den Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft, zum Beispiel beim Versicherungsschutz. Wer haftet für Schäden, wenn ein Roboter einen schweren Fehler machen würde? Der Hersteller oder der Nutzer? Oder sogar der Verfasser des Handbuchs, das keiner gelesen hat? Wie bei den autonomen Autos, die jetzt im Kommen sind, sehe ich da eher Probleme rechtlicher Art auf uns zukommen als technische.

Die Vision vom Hightech-Helfer für alle ist eigentlich schon Jahrzehnte alt. Warum haben wir solche Roboter nicht längst?

Weil das technisch sehr viel schwieriger ist, als man sich das vorstellt. Seit den 1960er-Jahren wurde immer wieder gesagt, das die Ingenieure nun kurz vor einem Durchbruch stehen. Doch die Fortschritte, die dann kamen, waren letztlich doch nicht so gross – das waren, auf schwäbisch gesagt, eher «Durchbrüchle».

Und doch ist diese Vision unvermindert vital …

Ja, und obwohl Wunsch und Wirklichkeit da sehr stark auseinander klaffen, werden diese Bilder vom Robotergefährten immer wieder heraufbeschworen. Der Wunsch ist so stark, dass er zuletzt auch die Wirklichkeit beeinflusst.

Erste Tests von Service-Robotern in deutschen Altenheimen haben auch Skepsis hervorgerufen – gerade, wenn es darum geht, Pflegeaufgaben zu übernehmen. Halten Sie das für denkbar?

Ja, es gibt doch eine Reihe von Aufgaben, für die Roboter nützlich sein können. Zum Beispiel, die alten Menschen aus ihren Betten zu heben. Das ist für das Personal eine grosse Belastung; viele Pfleger haben ja Rückenprobleme. Eine andere Aufgabe für Roboter könnte sein, sich mit den Senioren zu unterhalten.

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Roboter helfen im Altersheim

7:12 min, aus Einstein vom 11.10.2012

Privatgespräche mit Maschinen: Das ist für viele Menschen eine grausige Vorstellung.

Das würde davon abhängen, wie der Roboter beschaffen ist und wie er auf den Gesprächspartner reagiert. Manche werden es sicher schrecklich finden, aber andere werden heilfroh sein, überhaupt einen Gesprächspartner zu haben. Und Roboter haben ja unendlich viel Geduld.

Geduldiges Zuhören wird für Gespräche freilich nicht genügen, nicht wahr?

Nein, wenn es nötig ist, sollte ein Roboter-Gefährte Menschen auch widersprechen. Dazu müsste er natürlich erkennen, wie sein Gegenüber sich gerade fühlt. Das erfordert extrem komplexe Systeme, aber an solchen Programmen, die auch Emotionen erkennen und verarbeiten, arbeiten heute schon Forschungsgruppen in aller Welt.

«Weiche» Roboter also: «Soft Robotics» wurde schon vor einiger Zeit zum Trend ausgerufen: mensch-ähnliche Systeme zum Beispiel, mit Haut, weichen Bewegungen und sogar Gesichtern. Was halten Sie davon?

Wenn Roboter-Gefährten irgendwann vielleicht im Haushalt zum Einsatz kommen, dann sollen das ja keine Eisen-Männer sein. Aber in der Industrie könnte das Thema schon in naher Zukunft wichtig werden: Heute arbeiten die Roboter ja in abgegrenzten Zonen, um die Mitarbeiter zu schützen. Mit einer weichen Haut oder Sensoren, die bei einer Berührung Roboterarm stoppen, könnte sich das ändern.

Dazu wären grosse Investitionen nötig …

Aber die Preise für Industrieroboter gehen heute runter. Und die Investitionen könnten den Einsatzbereich verbreitern und sich deshalb lohnen.

Auf Gefahren für Menschen weisst auch Kaku hin – und schlägt für seine eigene Vision eines Roboter-Freundes vor, in so einer Situation «den Stecker zu ziehen». Bei einer autonomen Maschine der Zukunft wird das nicht so einfach sein, oder?

(Lacht) Ja, das war eher eine saloppe Antwort. Und der Roboter könnte seinen Stecker vielleicht auch verteidigen …

So wie der Computer Hal im Science-Fiction-Klassiker «2001 – Odyssee im Weltraum», der sich mit Gewalt gegen seine Abschaltung wehrt.

Damit sind wir bei der Frage nach Ethik und Roboterrechten. Auch das ist schon lange ein Thema, wie beim Schriftsteller Isaac Asimov, der Robotern in einer Kurzgeschichte das Recht einräumte, ihre Existenz zu schützen – unter bestimmten Bedingungen. Das war damals reine Science Fiction, aber heute ist es unter Fachleuten ein Ansatzpunkt für Diskussionen über eine gemeinsame Zukunft mit Robotern.

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Zukunftsforschung und Weltuntergang

7:16 min, aus Einstein vom 20.12.2012

Der renommierte Physiker Kaku spinnt heutige Technologien in die Zukunft weiter. Für Sie als Zukunftsforscher: Kann man das überhaupt so einfach, wenn man realistische Prognosen treffen wollte?

Ja, und man hat ja auch kaum andere Optionen. Wir können nur die heutigen Grenzen der Technologie anschauen und dann nach vorne spekulieren. Nur sollte man auch andere Faktoren berücksichtigen: gesellschaftliche und politische Einflüsse, aber auch ökologische Faktoren und nicht zuletzt auch wirtschaftliche. Manche Innovationen rechnen sich einfach nicht.

Lässt sich mit so grossen Puzzles überhaupt seriös abschätzen, welche Technologien sich in Zukunft wie entwickeln werden?

Wenn man sich ein spezielles Feld anschaut und der Blick nicht zu weit in die Zukunft geht – dann ja. Aber das ist auf jedem Gebiet unterschiedlich: Bei Computerspielen sind fünf Jahre fast schon ausser Reichweite. Aber bei der Nutzung und Entwicklung von Waldgebieten sind 20 Jahre absolut realistisch. Weil Holz schliesslich viel langsamer wächst als Spiele-Software entwickelt wird.

Technikfolgen-Abschätzung ist heute ein anerkanntes Fachgebiet, auch in der Schweiz und Deutschland. Ist das aus Ihrer Sicht eine Antwort auf allzu euphorische Technik-Gläubigkeit vergangener Jahrzehnte?

Das könnte schon sein. Die Technikfolgen-Abschätzung begann sich erst in den 70er-Jahren allmählich zu entwickeln. In den USA wurde 1972 das Office of Technology Assessment gegründet, das den Kongress in wissenschaftlichen und technischen Fragen beriet. Doch das gibt es seit 1995 nicht mehr: Der Kongress hat ihm unter George Bush, dem Älteren, den Geldhahn zugedreht. Folgen von neuen Technologien abzuschätzen ist immer auch eine politische Angelegenheit.

Mit welcher Haltung schauen Sie persönlich in die Zukunft?

Intellektuell betrachtet bin ich sicher Skeptiker. Aber emotional eher ein Optimist.

«Science oder Fiction»

«Science oder Fiction»

In der TV-Serie auf SRF zwei stellt der US-Physiker Michio Kaku Szenarien aus der Science Fiction vor – vom Lichtschwert über Zeitreisen bis zu «Dein Freund, der Roboter». Ob sie dereinst realisierbar sein könnten, beantwortet er, indem er heutige Forschung in die Zukunft denkt – am Beispiel des Roboters mit Quantencomputern und neuronalen Netzen.

Zur Person:

Zur Person:

Karlheinz Steinmüller, Jahrgang 1950, ist Zukunftsforscher. Nach Physik und -Philosophiestudium mit Promotion war er bis 1997 am Sekretariat für Zukunftsforschung in Gelsenkirchen tätig. Er ist heute wissenschaftlicher Direktor der Z_ Punkt Foresight Company. Mit seiner Frau Angela schrieb er Science Fiction, die mehrfach ausgezeichnet wurde.

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