Büro Stengel: Die Nervenkitzel-Designer

Achterbahn fahren kann süchtig machen, heisst es. Jedenfalls gibt es weltweit Millionen, denen Achterbahnen nicht wild, spektakulär, schnell oder hoch genug sein können und die den Kick immer wieder brauchen. Die Droge Achterbahn hat sie im Griff. Der beste Drogen-Designer heisst Werner Stengel.

Achterbahn-Looping

Bildlegende: Mit 3,5 G durch den Looping: Millionen suchen den Kick auf der Achterbahn. SRF

Wie stellt man sich ein Labor vor, in dem die Droge Achterbahn hergestellt wird? Sitzen da Nerds, von denen man schon beim Hinsehen weiss: Das sind verrückte Typen, die selber süchtig sind und uns anfixen wollen? Stimmt die Vorstellung, dass übernächtigte Freaks vor Bildschirmen sitzen und statt Computer-Games einfach Achterbahnen kreieren? Alles falsch!

Die wichtigste Achterbahnschmiede der Welt liegt in einem ruhigen Wohnquartier im Süden Münchens. Nur ein winziges Schild verrät, dass in einem der Häuser nicht gewohnt, sondern gezeichnet wird: «Ingenieurbüro Stengel GmbH» steht an der Klingel.

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Ingenieur Werner Stengel: «Manchmal ist das Leben langweilig»

0:23 min, vom 4.9.2015

Es ist mucksmäuschenstill im Haus. In jedem Zimmer sitzt ein Ingenieur, berechnet, zeichnet, plant und entwirft am Bildschirm Achterbahnen. Eine konzentrierte Atmosphäre, so diszipliniert und seriös, dass sie dazu angetan ist, jedem Angsthasen schon hier den Bammel vor der Achterbahnfahrt zu nehmen.

Mit 140 km/h durch den Looping

Vor 50 Jahren hat Werner Stengel das Büro gegründet. Die erste Stahl-Achterbahn, die er entwarf, beförderte Einzelwagen mit vier Personen mittels Kettenaufzug in 13,5 Meter Höhe, erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 54 Kilometern pro Stunde und belastete die Passagiere mit maximal 2,5 G – dem zweieinhalbfachen Körpergewicht.

Heute beschleunigen Linearmotoren Fahrzeuge mit 32 Passagieren in Sekundenschnelle auf Höchstgeschwindigkeit und befördern sie in über 100 Meter Höhe. Mit Belastungen bis zum sechsfachen Körpergewicht geht es mit 140 Kilometern pro Stunde durch Loopings, Schrauben und Schienentäler.

Werner Stengel ist unterdessen 79 Jahre alt und hat das operative Geschäft seinem Schwiegersohn übergeben. Aber er ist heute so fasziniert vom Phänomen Achterbahn wie vor über 65 Jahren, als er zum ersten Mal auf einer Achterbahn mitfahren durfte. Dass moderne Achterbahnen ein solches Spektakel bieten, hat ganz entscheidend mit Werner Stengel zu tun.

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Looping: Tropfenform für die Gesundheit

1:03 min, vom 6.10.2015

Looping ohne Schleudertrauma

Mitte der 1970er-Jahre konstruierte er den ersten gesundheitlich unbedenklichen Looping. Zwar wurde schon vor 100 Jahren über Kopf gefahren, die damaligen Loopings waren aber kreisrund und verursachten Zerrungen, Verstauchungen und Schleudertraumas. So verschwanden sie relativ schnell wieder aus den Vergnügungsparks.

Doch Werner Stengels hatte eine Idee: Er verengte den Kurvenradius peu à peu, so dass er immer mehr einem hängenden Tropfen als einem Kreis glich. Erst in der jetzigen sogenannten Klothoidenform sind Loopings für Achterbahnfans ungefährlich (siehe Video oben).

Neue Geometrie gegen Kopfschmerzen

Vielleicht noch revolutionärer war die Erfindung der Herzlinie für Achterbahnen: Statt die Schiene in Kurven um ihren eigenen Mittelpunkt zu neigen, verlegte Stengel den Drehpunkt der Geometrie ungefähr in die Höhe des Herzens der Passagiere.

Grafische Darstellung des Herzlinienprinzips

Bildlegende: Das Herzlinien-Prinzip: In Kurven dreht sich das Fahrzeug nicht um die Schienenmitte, sondern um die fiktive Achse auf Brusthöhe der Passagiere. wikipedia

Dadurch wird die Belastung für den Kopf stark reduziert. Nur deshalb sind heute bei Achterbahnfahrten Schrauben und Spiralen möglich – und längst selbstverständlich.

Demnnächst: Interaktive Achterbahnen

Fast die Hälfte aller Achterbahnen weltweit kommt aus dem unscheinbaren Büro Stengel in München. Und Werner Stengel glaubt, dass das Geschäft mit dem Nervenkitzel noch längst nicht ausgereizt ist. Er und seine Ingenieure träumen von interaktiven Achterbahnen. Ein Beispiel: Die 32 Passagiere eines Fahrzeugs stellen per Knopfdruck Weichen: Nach links oder nach rechts? Durch den Looping oder die Doppelschraube? Die Mehrheit entscheidet und keiner weiss, wo's lang geht. Das Büro Stengel sorgt mit Garantie für weitere Adrenalinschübe.

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