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Einstein Online Funde vom Morgarten: Der heilige Gral der Schweizer Geschichte

Bewiesen ist in Sachen Morgarten rein gar nichts. Historische Quellen gibt es zwar, doch die archäologischen Fundstücke fehlen, die eine regelrechte Schlacht hieb- und stichfest beweisen könnten. Denn dafür bräuchte es einen Glückstreffer von einem Fund.

Hufeisen, Sporen, Armbrustbolzen – so alle 100 Jahre taucht wieder einmal ein Fundstück auf, das eventuell etwas mit der sagenhaften Schlacht am Morgarten zu tun haben könnte. Kein Zufall, denn immer, wenn ein Schlachtjubiläum ansteht, wollen Laien und Presse es endlich wissen: Gab es jetzt diese grossartige Schlacht, in der die Urschweizer eine gewaltige Habsburger Übermacht in die Flucht schlugen? Mit einfachsten Waffen gegen bestens ausgerüstete Ritter hoch zu Ross?

Legende: Video Was auf Schlachtfeldern liegen bleibt (SRF) abspielen. Laufzeit 0:28 Minuten.
Vom 11.06.2015.

«Dass Funde eine mittelalterliche Schlacht beweisen können, das gibt es in der Schweiz eigentlich fast nie», sagt Archäologe Jonathan Frey von der Stadtarchäologie Zürich. Dafür braucht es so genannte Verlustfunde, also Gegenstände, die nirgendwo anders als auf einem Schlachtfeld verloren gegangen sein könnten. Nur sind die schlicht zu wertvoll und wurden deshalb fast immer nachträglich geplündert.

Schädel und Kettenhemd

Nur zwei solch eindeutige Beweisstücke gibt es in der gesamten Schweizer Geschichte: Kettenhemd-Fragmente aus dem Murtensee und die Schädel von Dornach. «Solche Funde sind super, denn Kettenhemden können nicht einfach so verloren gehen», sagt Frey, «und die Schädel weisen die passenden Kampfspuren auf.»

Dass die Eidgenossen 1476 bei Murten, Link öffnet in einem neuen Fenster Karl, den Kühnen besiegten und kurz darauf 1499 bei Dornach auch den Schwäbischen Bund, Link öffnet in einem neuen Fenster – das kann also archäologisch sauber nachvollzogen werden. Ganz anders bei der Schlacht am Morgarten.

Ein Schwarz-weiss-Zeichnung zeigt einen Ritter mit einer Armbrust vor der Landschaft nahe des Morgartenbergs.
Legende: Ein Pfeilschuss als Warnung für die Schweizer: Diese Abbildung aus dem Jahr 1923 illustrierte den angeblichen Lauf der Geschichte. SRF

Der sagenhafte Hünenberger Pfeil

Um das jüngste Morgarten-Fundstück rankt sich sogar eine Sage, nämlich um den Hünenberger Pfeil. Eigentlich ist es ein Armbrustbolzen, der die Nachricht «Hütet euch am Morgarten» überbracht haben soll. Abgeschossen von Heinrich von Hünenberg über die Arther Letzimauer – so sollen die Schwyzer am Vorabend der Schlacht gewarnt worden sein.

Und haargenau dieser Pfeil soll die Jahrhunderte überdauert haben und von einem Arther Geschlecht namens Zay von Generation zu Generation weitergereicht worden sein. Aber ist er tatsächlich 700 Jahre alt oder wurde er nachträglich als Symbol für die Morgarten-Saga hergestellt?

«Einstein» datiert den Pfeil

Wie die Wissenssendung «Einstein» am 11. Juni um 21 Uhr zeigt, ist das Holz tatsächlich zwischen 620 und 700 Jahren alt. Der Pfeil bringt den Archäologen Jonathan Frey ins Schwärmen: «Es ist wohl das erste Mal, dass wir so einen alten Armbrustbolzen vollständig erhalten haben und naturwissenschaftlich datieren konnten».

Ein Pfeil in einem Rahmen hinter Glas mit einer Urkunde und Siegeln aus dem Jahr 1862.
Legende: Fundstück mit abenteuerlichem Charme: Der Hünenberger Pfeil mit dem Siegel aus dem Jahr 1862 wird in Arth aufbewahrt. SRF

Ein authentischer Bolzen, zeitgerecht mit dem Schaft verklebt, und dazu noch mit leicht verdrehten Pfeilflügeln – das gibt den perfekten Drall. Kein Wunder, gerät Waffenexperte Frey da ins Schwärmen.

700 Jahre alt – und doch zu jung

Nur: Der Pfeil aus der Sage ist es nicht, denn dafür müsste das Holz noch ein paar Dutzend Jahre älter sein. Schliesslich braucht ein Baum Zeit zum Wachsen. «Das Holz des Bolzens stammt nicht vom Zweig eines Strauchs, sondern von einem ausgewachsenen Baum», sagt Frey, «so erhielt man steifes Holz, das es für einen Armbrustbolzen braucht.»

Zudem kam diese Art von Bolzenspitze erst 50 Jahre nach der Schlacht auf. Und so fehlen auch heute noch eindeutige Beweisstücke, die aufzeigen könnten, dass am Morgarten tatsächlich eine regelrechte Schlacht im Gange war.

Keine Funde = keine grosse Schlacht?

Viele Historiker machen den Umkehrschluss und spielen die Schlacht am Morgarten herunter. Ohne eindeutige Funde kann auch kaum eine grosse Schlacht stattgefunden haben, so der historische Konsens im Moment.

Darin sieht Archäologe Frey einen Argumentationsfehler: «Eindeutige Funde von Schlachtfeldern sind extrem selten. Und als man vor 50 Jahren das vermutliche Schlachtfeld mit dem Metalldetektor absuchte, hat man die gefundenen Eisenteile nicht mal publiziert – leider.»

Die Nadel im Heuhaufen

Bleibt nur noch die Hoffnung, eines Tages die Nadel im Heuhaufen doch noch zu finden. Und ein hieb- und stichfestes Fundstück aufzustöbern. Für Jonathan Frey eher unwahrscheinlich, aber das stört ihn nicht. «Für mich ist jedes Fundstück spannend», schwärmt er, «was mich fasziniert, ist der Einblick in den längst vergangenen Alltag. Egal, ob da eine Schlacht getobt hat oder nicht.»

11 Kommentare

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  • Kommentar von E.Wagner, Zug
    Vermutlich sollte man den Ägerisee auspumpen und dort suchen. Denn die Schwyzer stapelten Holz-Trämel auf, und rollten es hinunter auf das angreifende Heer. Da fliehen bekanntlich jede Pferde, auch ich/Ihr wenn eine Holzlawine dir entgegenkommt.
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  • Kommentar von Ivan Brunner, Herzogenbuchsee
    @Peter Meier Es wäre auch denkbar , dass die Habsburger das Ereignis als unbedeuten empfanden und es deswegen nicht dokumentiert wurde. Ein weiterer Grund könnte auch die schlechte "Presse" sein, die sicher andere kleine Stämme bzw. Völker angespornt hätten , um es den Eidgenossen gleich zu tun.
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    1. Antwort von Peter Meier, Zürich
      Schlechte Presse können Sie knicken: Erstens gab es keine Presse wie wir das heute kennen, zweitens sind das interne Dokumente. Abgesehen davon weiss ich nicht, wie detailliert die Habsburger ihre Unternehmungen dokumentiert und Korrespondenzen aufbewahrt haben (bin kein Historiker). Dass entsprechende Dokumente verloren gehen, wird von einem seriösen Historiker berücksichtigt werden. Aber dass null Dokumentation und Belege stutzig machen, das leuchtet mir ein und sollte Ihnen auch.
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  • Kommentar von W.Ineichen, Luzern
    Seit je her haben Geschichtsschreiber Ereignisse mit eigener Fantasie ausgeschmückt, bloss um Leser zu finden. Hunderte Jahre später ist es kaum mehr möglich, in der Dichtung die Wahrheit zu finden zu. Goethe schrieb: “Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit, so wird der beste Trank gebraut, der alle Welt erquickt und auferbaut.“ Es gibt Menschen, die gar an die Existenz Winnetous glauben, weil Karl May seine Bände so spannend schrieb. Gilt auch für Schillers Tell und die Bibel.
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    1. Antwort von Peter Steiner, 8810
      @Ineichen: Wobei die Bibel mit Abstand (!) das best dokumentierteste Geschichtsbuch ist das existiert (vgl. z.B. Qumran). Ob man das nun glauben möchte oder nicht. Wenn sie also die Glaubhaftigkeit der Bibel in Abrede stellen, dann dürfen sie überhaupt keinem Geschichtsbuch Glauben schenken. Das Problem für viele besteht bei der Bibel aber nicht in der Geschichtsschreibung, sondern in dem Glauben der vermittelt wird.
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    2. Antwort von M.Schmid, Bern
      @Peter Steiner: Der zweite Weltkrieg hat gut dokumentierte Geschichtsbücher. Die Bibel hingegen? Praktisch nichts davon ist richtig belegt, und es gibt viele Aussagen in der Bibel die den bekannten Fakten eher widersprechen als übereinstimmen (z.B. die Sintflut oder die Eroberung von Kanaan ist wohl nie passiert - Jericho z.B. war zu der Zeit auch schon länger weg).
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