Joy Reidenberg – Anatomin für alle Felle

Joy Reidenberg ekelt sich vor nichts. Die Anatomin aus der «Einstein»-Serie «Tiere unter dem Messer» seziert alles – vom Dromedar bis zum Hippo. Notfalls auch bei über 40 Grad, wie sie im Gespräch berichtet.

Um die Lebensweise eines Tieres zu erklären, greift Reidenberg auch in die Innereien.

Bildlegende: Unzimperlich: Um die Lebensweise eines Tieres zu erklären, greift Joy Reidenberg beherzt in die Innereien. SRF

Heiss war es im australischen Outback, als die amerikanische Anatomin Joy Reidenberg zusammen mit dem Tierarzt Mark Evans und dem Kamel-Experten Geoff Manefield beim Dromedar das Messer ansetzte. Sehr heiss. Und ihr sonst ziemlich praktischer orangefarbener Sezier-Overall machte die 43 Grad fast unerträglich.

«Einstein»: Wie haben Sie diese Hitze nur ausgehalten?

Joy Reidenberg: Was hab ich da an Gewicht verloren, nur mit Schwitzen. Wir mussten immer wieder ins Zelt, um uns im Schatten ein wenig zu erholen. Aus den Stiefeln konnte man den Schweiss richtiggehend auskippen. Da will man keinen solchen Overall tragen; ich hätte lieber im Badkleid seziert.

«Einstein»: Aber dann hätten Sie sich einen Sonnenbrand geholt.

Reidenberg: Ja, das hätte ein Problem werden können. Wäre nett gewesen mit einem Sonnenschirm, so ein bisschen Schatten, das hätte geholfen. (Lacht.)

Der Einsatz im Glutofen des australischen Outback, den «Einstein» am Donnerstag Abend zeigt, war bei weitem nicht Reidenbergs erster. Die 51-jährige Anatomin hat für den britischen Sender Channel 4 schon viele grosse Tier seziert – vom Elefanten über den weissen Hai bis zum Krokodil. Sie ist seit Beginn der Serie «Tiere unter dem Messer» mit dabei – auch wenn das so gar nicht geplant war.

«Einstein»: Haben die Filmer von Channel 4 Sie einfach so angerufen?

Für die Fernsehserie kletterte die Anatomin zum Sezieren auf einen Finnwal.

Bildlegende: Robuster Einsatz: Die Anatomin beim Sezieren eines Finnwals. SRF

Reidenberg: Ja, aus heiterem Himmel. Ich musste mich in fünf Minuten entscheiden, ob ich nach Irland fliegen wollte, mit einer Filmcrew, die ich nicht kannte und für eine Serie, von der ich noch nie gehört hatte. Der Wal war schon gestrandet, und das Flugzeug ging in zwei Stunden. Und Sezierbesteck sollte ich auch noch mitbringen; das hatte die Filmcrew nicht dabei. Das war Anfang 2009, und ich habe in der Eile einfach was aus der dreckigen Wäsche eingepackt. So machte ich die Sezierung in einem gelben Regenmantel.

«Einstein»: Die Folge über den Finnwal hatten wir auch bei uns in der Sendung, da hatten sie diesen gelben Regenmantel an ...

Reidenberg: Und rosa Gummistiefel. Es hat aber gut funktioniert, weil es die ganze Zeit regnete.

«Einstein»: Dann brachte die britische Filmcrew beim nächsten Dreh die orangefarbenen Overalls mit – als eine Art Sezieruniform, nicht wahr?

Reidenberg: Diese Overalls haben mich nie überzeugt. Ich nehme an, in Europa laufen die Häftlinge nicht so herum, aber bei uns in den USA denkt da jeder an Guantánamo. Wir hätten letztes Jahr in Pakistan um ein Haar einen Walhai unters Messer genommen. Mitten im Talibangebiet. Aber dann waren die pakistanischen Behörden nicht so begeistert von der Idee, eine weisse, jüdische Amerikanerin mit ihrem Sezierteam ins Land zu lassen. Und das in orangefarbenen Guantánamo-Overalls: Da gingen wohl alle Warnlampen aufs Mal an.

Berührungsängste oder Ekel, das ist Joy Reidenberg völlig fremd. Sie braucht ihre ganze Kraft, um den Magen des Dromedars aus dem Bauchraum zu lösen. Und steigt tief in den Rachen des Finnwal-Kadavers, um den Kehlkopf herauszuholen. Für sie ist unverständlich, dass viele Leute das Innenleben von Tieren abstossend finden.

Mit ihren Teamkollegen schwitzt Reidenberg beim Zerlegen des Dromedars für die TV-Zuschauer.

Bildlegende: Knochenarbeit bei über 40 Grad: Mit ihren Teamkollegen schwitzt Reidenberg (li.) für die TV-Zuschauer. SRF

«Einstein»: Manche Menschen finden ihre Arbeit ziemlich eklig ...

Reidenberg: Wer das abstossend findet, der sollte doch auch nicht durch die Fleischabteilung im Supermarkt laufen können. Wenn jemand einen Fisch ausnehmen kann oder Poulet zubereiten, dann kann er auch »Tiere unter dem Messer« schauen. In unserer Urform als Menschen-Tiere sollten wir diese Kadaver anschauen und denken ‹Das ist mein Nachtessen›. Es sollte uns nicht schlecht werden, sondern wir sollten Hunger kriegen!»

Wenn die Anatomin nicht vor der Kamera steht, arbeitet sie als Professorin an der School of Medicine am Mount-Sinai-Spital in New York – im «Labor der seltsamen Tiere», wie es ihre Kollegen liebevoll nennen. Sie ist eine Spezialistin für Kehlköpfe von Meeressäugern. Auch ihre Lungenfunktion untersucht sie, denn daraus erhofft sie sich Ansätze, um die Gefahren des Tauchens bei Menschen zu verringern.

«Einstein»: Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Spass?

Reidenberg: Ich arbeite doch nicht, ich gehe spielen. Für mich ist das keine Arbeit. Ich seziere schon sehr gerne. Die Arbeit für die Fernsehserie, das ist einfach so passiert, und der Ruhm interessiert mich nicht.

«Einstein»: Was würden Sie denn am liebsten als nächstes unters Messer nehmen?

Reidenberg: Wow. Ich weiss nicht … Ich würde keinen Meeressäuger nehmen, die kenne ich ja schon, sondern etwas, worüber ich nichts weiss. Etwas Bizarres. Einen Drachen oder ein Einhorn würde ich gerne sezieren, aber das gibt’s ja nicht. Da kommt man aber nah ran, zum Beispiel mit einem Komodo-Waran.

Die ganze «Tiere unter dem Messer»-Serie auf einen Blick:

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