«Mein Handy muss den Kommunikationswahnsinn von mir fernhalten»

Das Jugendwort des Jahres ist «Smombie» – eine Kombination aus Smartphone und Zombie, weil wir wie ferngesteuert auf unsere Handy starrend durch die Welt laufen. Ist unser Verhältnis zum Smartphone noch gesund? Nein, sagt Buchautor Alexander Markowetz und rät dringend zu einer digitalen Diät.

Ein Mann im Anzug schaut genervt auf sein Smartphone.

Bildlegende: Handystress: Die Flut von Nachrichten und Eindrücken überfordert mittlerweile viele Menschen. Imago

SRF: Herr Markowetz, In Ihrem Buch «Digital Burnout» schreiben Sie, wir hätten unsere Smartphone-Nutzung nicht mehr unter Kontrolle und langfristig mache sie uns geistig krank – ist das Smartphone gefährlich für uns?

Alexander Markowetz: Wir haben diese Geräte gebaut und sie sind geil. Aber jetzt müssen wir lernen, mit ihnen umzugehen. Es kann nicht sein, dass ich 750 Euro für ein Smartphone bezahle und hinterher unglücklich bin, weil ich Kontrollverlust verspüre, mich gestresst fühle und Schuldgefühle habe, weil ich meine Tochter vielleicht vernachlässige. Da bin ich Konsument und sage: Entschuldigung, aber das Gerät muss anders sein!

Bevor Sie zu diesem Fazit gekommen sind, haben Sie über eine App die Smartphone-Nutzung von rund 60‘000 Menschen analysiert. Unter anderem kam dabei heraus, dass wir unser Handy durchschnittlich zweieinhalb Stunden pro Tag nutzen. Was machen wir in dieser Zeit?

Über eine halbe Stunde Whatsapp, 15 Minuten Facebook, rund 30 Minuten Spiele, News, Youtube – und zu etwa 10 Prozent die kleinen Alltagshelfer-Apps. Das ist interessant, denn viele denken, dass sie ihre Smartphone-Zeit vor allem mit solchen Apps verbringen würden: Bahntickets kaufen, Wetter checken, Onlinebanking und andere praktische Dinge. Aber faktisch verbringen wir den Grossteil der Zeit auf Whatsapp und mit Gamen. Wirklich spannend ist allerdings, was wir nicht mit dem Telefon machen: telefonieren!

Wir wickeln unsere Kommunikation über Facebook, E-Mail, Whatsapp ab?

Genau. Wir telefonieren im Durchschnitt gerade einmal 7 Minuten am Tag. Und da sind Leute wie ich, die berufsbedingt den ganzen Tag telefonieren, schon reingerechnet. Aber die wirklich wichtige Botschaft, die wir gefunden haben, sind nicht die 7 Minuten oder 2,5 Stunden.

Sondern?

Wirklich dramatisch ist die Zahl an Einschaltvorgängen: Rund 88 Mal schalten wir das Handy am Tag an. Oftmals nur, um zu schauen, wie viel Uhr es ist. Doch 53 Mal entsperre ich den Bildschirm und nutze beispielsweise eine App. Wenn Sie das auf 24 Stunden rechnen minus 8 Stunden Schlaf, interagieren wir im Schnitt alle 18 Minuten mit unserem Telefon. Das ist jedes Mal eine Unterbrechung unserer Tätigkeit! Wir fragmentieren unseren Alltag durch dieses selbst auferlegte Multitasking.

Welche Auswirkungen haben die permanenten Unterbrechungen?

Sie machen es uns unmöglich, eine Flow-Erfahrung zu erleben. Ein Flow ist eine spezielle Art der Aufmerksamkeit, die auf ein Ding gerichtet ist, eine Tätigkeit, in die man abtaucht. Der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi schaute sich dafür in den 1970er-Jahren Ballett-Tänzerinnen, Chirurgen, Schachspieler oder Freikletterer an und beschrieb diesen Flow als Quelle des Glücks und der Produktivität. Und es gibt Theorien aus den 1980er-Jahren, die besagen, man brauche rund 15 Minuten, um in ein Thema hineinzukommen.

Das heisst, wenn Sie mich alle 18 Minuten unterbrechen, komme ich zu nichts mehr…

Ich muss Sie aber gar nicht unterbrechen, sondern Ihnen nur ein Smartphone geben. Dann machen Sie das schon selbst.

Wir schalten das Smartphone öfter ein als gut für uns ist – warum tun wir es trotzdem?

Das sind keine rationalen Entscheidungen, sondern die ständige Erwartung einer Belohnung. Es ist ein Dopamin-gesteuerter Prozess. Wir schalten das Handy in Erwartung eines tollen Facebook-Posts ein, einer Antwort auf eine Mail oder einer News – aber wir wissen nie hundertprozentig, ob da was ist. Dieser Überraschungsmoment führt zu Dopamin-Ausschüttung. Er wird zu einer Art Motivationshormon, das sagt: Das war es jetzt noch nicht, aber vielleicht das nächste Mal. So funktioniert übrigens auch der Mechanismus bei Geldspielautomaten.

Video «Drill gegen Handysucht: Reportage aus dem Bootcamp («Einstein» vom 10.12.2015)» abspielen

Drill gegen Handysucht: Bootcamp in China («Einstein»,10.12.2015)

5:30 min, vom 10.12.2015

Dann sind wir also alle süchtig: nach dem nächsten Dopamin-Kick?

Das ist keine Sucht in dem Sinne, dass ich in Schweiss ausbreche. Wir sind nicht wirklich abhängig. Aber wir funktionieren suboptimal. Wenn wir unseren digitalen Wahnsinn ein wenig reduzieren würden, könnten wir glücklichere und produktivere Menschen sein.

Das iPhone gibt es seit 2007. Meinen Sie nicht, die meisten Menschen würden sagen, ihr Leben sei dadurch viel einfacher und produktiver geworden?

De facto haben wir etwas Ähnliches gemacht – unbeabsichtigt. Als unsere App rauskam, gab die Uni Bonn – keine superberühmte Uni – eine kleine Pressemitteilung heraus: Man hätte da eine App entwickelt, die zeige, ob man abhängig vom Smartphone ist. Es hätte sein können, dass ganz Deutschland mit der Schulter zuckt und sagt: Geht mich nichts an. Es war aber nicht so: Wir wurden medial überrannt. Da hat sich ein Unwohlsein und ein Gesprächsbedarf gezeigt, der sich in der Gesellschaft aufgestaut hat.

Sie fordern, wir müssten auf digitale Diät. Wie soll die aussehen?

Es geht darum zu beschliessen, den eigenen Konsum für den Rest des Lebens herunterzufahren. Ich kann mich zum Beispiel räumlich einschränken: Im Schlafzimmer gibt es kein Smartphone. Oder zeitlich: kein Handy nach 19 Uhr oder am Sonntag ganz ohne.

Im Privaten mag das noch gehen, aber was ist bei der Kommunikation mit anderen? Brauchen wir eine Art Smartphone-Knigge?

Ich nenne es Kommunikationsetikette. Ein informelles Regelwerk, wie wir miteinander kommunizieren wollen. Diese Etikette hatten wir früher mal: Zwischen zwölf und drei rief man keine Leute an. In Kooperation mit ihrem Umfeld können sie durchaus etwas machen. Abgesehen von Ihrer beruflichen Tätigkeit entfallen 80 Prozent ihre Kommunikation auf rund fünf Leute. Wenn Sie sich mit diesen fünf einzeln absprechen, dann können Sie den Kommunikationsmüll und die Anzahl der Unterbrechungen reduzieren.

Und wie könnte ein etiketten-gerechtes Smartphone der Zukunft aussehen?

Es muss mich davon abhalten zu klicken. Es muss mich in meiner digitalen Selbstbeschränkung unterstützen und es muss den Kommunikationswahnsinn von mir fernhalten. Mein Smartphone muss den Job einer Vorzimmerdame machen: Sie schaut auf die eingehenden Nachrichten und ordnet sie. Was ist dringend und muss sofort erledigt werden? Was ist wichtig und kann auf später verschoben werden?

Sie gehen davon aus, dass die Smartphone-Hersteller auf unser Unbehagen reagieren?

Ja, denn denen ist es völlig egal, wie häufig wir unser Handy benutzen. Alles, was sie wollen ist, dass wir nächstes Jahr wieder 750 Euro mitbringen. Das nächste grosse Verkaufsargument werden psychologisch ergonomische Handys. Erste, leise Tendenzen gibt es schon, etwa die Nachtruhe-Funktion bei Motorola. Das Handy versucht zu erkennen, wann ich schlafe, und piept dann nicht, wenn Nachrichten oder Mails reinkommen.

Kinder, die heute mit dem Smartphone aufwachsen, die den Zustand «offline» gar nicht kennen – manche glauben, die werden mit der Überforderungen besser umgehen…

Es gibt diesen Gedanken über die «digital Natives». Aber das ist völliger Unsinn. Wir haben in der Wirtschaft Innovationszyklen von etwa fünf Jahren und der Wandel wird immer tiefgreifender. Das heisst: Alle fünf Jahre wird die Welt wieder anders aussehen. Bis ein heute zehnjähriger «digital Native» 70 ist, hat sie sich also rund zwölf Mal geändert. Der wird sich mit 70 deutlich schwerer tun als meine Mutter heute.

Zur Person

Zur Person

Alexander Markowetz (Jahrgang 1976) ist Junior-Professor am Institut für Informatik an der Uni Bonn. 2012 entwickelte er mit einem Team die App «Menthal», mit der Nutzer ihr Smartphone-Verhalten analysieren können. Das Verhalten von 60'000 Handybesitzern hat er analysiert und auf dieser Basis das Buch «Digital Burnout» verfasst.

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