Militärischer Drill für Internetjunkies

Er ist Mitte Fünfzig und kämpft gegen ein monströses digitales Geschwür: Tao Ren ist Chinas Medizinmann im Kampf gegen die am schnellsten wachsende Krankheit – die Sucht nach virtuellen Welten. Er selbst nennt das Internet die neue Volksdroge und spricht vom «digitalen Heroin».

Jugendliche in Uniformen stehen in Reih und Glied

Bildlegende: Gleichschritt, Uniformen und psychologische Hilfe: In Tao Ren`s Erziehungsanstalt sollen Jugendliche von ihrer Internetsucht geheilt werden. SRF

Markige Vergleiche liegen ihm und es scheint, dass er es mag, wenn man ihn nach seinen Forschungsresultaten befragt. Das Internet sei die Giftspritze der heutigen Jugend, so lässt sich Tao Ren gerne zitieren, auch in westlichen Medien.

Bei Grüntee bricht das Eis

Anfänglich ist er noch etwas vorsichtig. Zu schlecht seien die Erfahrungen gewesen, die er teilweise schon gemacht habe, wenn er Besuch von Journalisten aus Europa hatte. Immer würde er auf seine Militärcamps reduziert, sagt er und bietet uns Tee an. Nach drei Schluck Grüntee bricht das Eis.

Tao Ren spricht langsam und er geniesst den Raum, um über seine beeindruckenden Erfolge zu berichten. Seit 15 Jahren gilt er als die graue Eminenz Chinas, wenn es um Jugendliche geht, die nicht mehr loskommen von Computerspielen und dem Internet. In seiner Erziehungsanstalt sollen die Jugendlichen mit militärischem Drill und psychologischer Unterstützung von ihrer Sucht geheilt werden. Seine Augen glänzen und es erfüllt ihn mit Genugtuung, wenn er merkt, dass seine Geschichten den Zuhörer ins Staunen versetzen.

In Windeln gamen – tagelang

Es sind Geschichten von Jugendlichen, die Tag und Nacht vor ihren Bildschirmen sitzen – in Pampers, weil für sie fünf Minuten für einen Toilettengang schon zu viel Abstinenz von ihrem virtuellen High bedeuten. Es sind Jugendliche, die ein total gestörtes Essverhalten an den Tag legen, Jugendliche, die in einer kompletten Parallelwelt leben und sich von Eltern, Schule und dem Rest der Gesellschaft völlig abgekapselt haben. 40 Millionen gibt es von ihnen in China, sagt Tao Ren, und es würden mehr. Die verzweifelten Eltern sehen das Militärcamp oft als letzte Chance.

Video «Drill gegen Handysucht: Reportage aus dem Bootcamp («Einstein» vom 10.12.2015)» abspielen

Im Bootcamp in China: Drill gegen Smartphone-Sucht («Einstein»)

5:30 min, vom 10.12.2015

Über seinem Schreibtisch hängen gerahmte Fotos. Tao Ren in Militäruniform, Tao Ren im Anzug, umgeben von wichtigen Kadern der kommunistischen Partei oder der Chinesischen Volksarmee. Die Fotos erinnern an den Status, den der Mediziner heute im Reich der Mitte inne hat.

Er gilt als der Erfinder des harten Internet-Entzugs. Seine Methode ist umstritten, das weiss er, vor allem in internationalen Kreisen. Dass körperliche Ertüchtigung zu seiner Methode gehört, ist seiner Ansicht nach aber wissenschaftlich begründet. Der Militärdrill, so erklärt er, wirke sich positiv auf die Selbstdisziplin aus. Und das sei es, was den meisten Kids fehle.

Depression, Essstörung, Internetsucht

Stolz präsentiert er uns einen ganzen Stapel von Büchern. Sie sind das Resultat von 15 Jahren Forschung. Darunter befinden sich auch internationale Publikationen, in denen die Forschungsresultate von Tao Ren abgedruckt wurden. Als er die erste Erziehungsanstalt vor den Toren Pekings eröffnete, wusste er gar nichts über Internetsucht, gesteht er ein.

Heute, 15 Jahre später, seien für ihn die Zusammenhänge klarer: Eine wichtige Rolle würden die Eltern spielen, die besonders in China einen gewaltigen Erwartungsdruck auf ihre Einzelkinder ausüben. Häufig würden die Kinder aus Angst vor Versagen depressiv. Seiner Meinung nach ist praktisch bei allen Internetsüchtigen eine Depression auszumachen und die wiederum gehe meistens einher mit Esstörungen. Und das führe eben zu einem Verhalten wie bei Abhängigen von harten Drogen.

Gruppenfoto zeigt Tao Ren und Pascal Nufer

Bildlegende: Pascal Nufer (3.v.links) traf Tao Ren (2.v.links), Gründer des härtesten, chinesischen Bootcamps gegen Internetsucht. SRF

Degradiert zu elektronischen Zombies

Die Internetsucht zerstöre alles, was ein normales Leben ausmache, so Tao Ren. Jugendliche würden regelrecht zu elektronischen Zombies degradiert, sie seien abhängig vom «digitalen Heroin», sagt er. Tao Ren nimmt einen letzten Schluck von seinem Grüntee und weist mit der Hand nach draussen.

Vor dem Fenster sind sie in Reih und Glied aufgereiht: rund 40 elektronische Zombies in Militäruniform. Mit Genugtuung überblickt Tao Ren das Schauspiel: Im Gleichschritt und unter Gebrüll bewegen sich die – meist männlichen – Jugendlichen langsam aus unserem Blickfeld. Tao Ren bedankt sich für unsere Aufmerksamkeit. Wir dürfen wieder einmal kommen, sagt er und verabschiedet sich.

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