Wer hat die Macht im Vatikan?

Mit dem Abschied Benedikts XVI. von seinem Amt beginnt die Sedisvakanz: die Zeit des «unbesetzten Stuhls». Doch ohne Hirten sind die fast 1,2 Milliarden Schäfchen Roms keineswegs.

Kardinäle beten am 18. Mai 2005 vor dem Rückzug in die geheime Wahl, die schliesslich auf Joseph Ratzinger fiel.

Bildlegende: Qual der Wahl: Kardinäle am 18. Mai 2005 in der Sixtinischen Kappelle – vor dem Rückzug in die Wahl, die auf Joseph Ratzinger fiel. Keystone

Der letzte Auftritt auf dem Petersplatz ist vorüber, der letzte Segen ausgeteilt; die Dankesreden sind verstummt. Fortan wird wieder Joseph Ratzinger und nicht Benedikt XVI. durch den Vatikan wandeln, in einem weissen Gewand, wie es heisst, doch ohne seinen goldenen Fischerring, ein Insignium der päpstlichen Macht. Der wird zerstört – traditionell mit dem Schlag eines silbernen Hammers, obwohl er theoretisch in 117 Teile zerlegt werden müsste: so viele, wie Kardinäle an der Wahl des neuen Papstes teilnehmen.

Die Macht geht schliesslich auf das Konklave über – doch in der Praxis wird sie delegiert. Der Camerlengo, Kämmerer des Kirchenoberhauptes, ist es, der das Tagesgeschäft des Vatikans zwischen zwei Päpsten führt und verantwortet. Zur Seite stehen ihm dabei drei Kardinäle, die ihm per Los zugeteilt werden und alle drei Tage wechseln – eine Massnahme, die das kurzzeitige Machtvakuum gegen Missbrauch absichert, sei es durch den Camerlengo, einen Kardinal oder sogar beide.

Das wäre freilich ohnehin verboten, denn laut der Apostolischen Konstitution, quasi der vatikanischen Verfassung, hat das Kollegium der Kardinäle in der Sedisvakanz keinerlei Vollmacht in Fragen, die der Papst zu behandeln hätte. Zwar gibt es ein Schlupfloch für dringende Fälle, die keinen Aufschub dulden, doch selbst in diesem raren Fall stünden alle Massnahmen unter dem Vorbehalt des «Ja» durch den künftigen Oberhirten. Ein Machtvakuum gibt es also nicht: Das Sagen hat der Papst, auch wenn es keinen gibt.