«Der Wissensdurst der Haitianer hat mich sehr beeindruckt»

Tom Schacher ist Architekt. Nach dem Erdbeben in Haiti 2010 war er im Auftrag der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA zwei Jahre lang am Wiederaufbau beteiligt. Seit dem Sommer 2012 ist Schacher zurück in der Schweiz. Gegenüber «Einstein» berichtet er von seinen Eindrücken.

Ein Haitianer schleppt einen Ziegelstein

Bildlegende: Hilfe zur Selbsthilfe: Tom Schacher vermittelte in Haiti sein Know-How über erdbebengerechtes Bauen – und hatte damit grossen Erfolg. Reuters

«Einstein»: Herr Schacher, was war ihre Aufgabe in Haiti?

Tom Schacher: Wir haben ein Kompetenzzentrum aufgebaut, um unter anderem Maurer auszubilden. Das Ziel war es, den Menschen das Handwerk von erdbebenresistenteren Baumethoden beizubringen.

Sie waren also nicht als Architekt tätig?

Ich habe keine Häuser gebaut, das stimmt. Es war viel wichtiger und nachhaltiger, den Menschen das Wissen zum erdbebengerechten Wiederaufbau zu übermitteln.

Wie sah ihr Alltag als Lehrmeister aus?

Ich habe die Klassen nicht persönlich unterrichtet, sondern haitianische Ausbildner instruiert. Diese konnten die Kurse in Kreolisch anbieten, da dies die wahre Sprache des Volkes ist. Meine Aufgabe war die Entwicklung, die Durchführung und die Koordination der Kurse. So war ich oft stundenlang im Auto unterwegs und habe die verschiedenen Baustellen besucht, weil da die Kurse direkt vor Ort durchgeführt wurden.

Hatten Sie Erfolg damit?

Ja. Die Maurer haben sich zu Hunderten für die Kurse angemeldet. Der Wissensdurst der Haitianer hat mich sehr beeindruckt. Die Menschen sind wirklich motiviert, etwas Neues zu lernen, und froh um jedes Diplom, das ihnen eine bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt verschafft.

Was war ihre grösste Herausforderung?

In Haiti ist die Grundschulbildung auf einem sehr tiefen Niveau. Fähigkeiten wie beispielsweise Rechnen, die wir in der Schweiz als selbstverständlich betrachten, sind nicht immer gegeben. Wir haben die Kurse also sehr praxisbezogen gehalten und nur wenig Theorie vermittelt. Auch die Examen haben wir angepasst: Sie werden nur mündlich und in der Praxis durchgeführt.

Haben Sie Ihr Ziel erreicht?

Das Ziel war und ist immer noch, dass der Kurs an den staatlichen Berufsschulen angeboten wird. Bislang lernten die Menschen das Maurer-Handwerk von Verwandten und Bekannten und nicht an den Schulen. Eine gute Ausbildung könnte in Zukunft jedoch dazu beitragen, das Ausmass der Zerstörung bei Erdbeben zu minimieren.

Mit welchem Gefühl haben Sie Haiti nach zwei Jahren verlassen?

Haiti war eins der faszinierendsten Länder, in dem ich je gearbeitet habe. Die Menschen sind trotz ihres Leids und nimmer endenden täglichen Schwierigkeiten warmherzig und beeindruckende Überlebenskünstler, von denen wir nur lernen können. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie die Musik der Haitianer so fröhlich sein kann, obwohl das Leben für sie oft so hart ist.