«Die Fernsehzuschauer sind heute an brutale Filmberichte gewöhnt»

Die Produktion von Pelzen ist seit den 80er-Jahren umstritten und verrufen – doch heute sind Tierfelle in der Garderobe wieder en vogue. Wie es dazu kam, erklärt der Schweizer Tierschutz-Pionier und Filmregisseur Mark Rissi im Interview über seine Arbeit.

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TV-Bilder aus Pelztierfarmen: «Kassensturz» vom 4.10.1982

15 min, vom 8.1.2013

Herr Rissi, die Schweizer Pelzimporte haben allein im letzten Jahr um 30 Prozent auf 225 Tonnen zugenommen – der grösste Teil stammt aus Pelzzuchten in China. Sie waren 2009 für Ihren jüngsten Film vor Ort. Welche Situation haben Sie angetroffen?

Überall, wo Pelz produziert wird, hält man die Füchse, Nerze und Marderhunde in engen Drahtgitterkäfigen. Die Wildtiere werden gezwungen, fünf bis sechs Monate in drangvoller Enge zu vegetieren, bis sie getötet werden. In China jedoch erfolgt die Tötung um einiges brutaler als in anderen Ländern.

Wie geschieht das?

Die Tiere werden entweder von Hand stranguliert oder man schlägt ihnen so oft einen Knüppel auf den Kopf, bis sie tot sind. In manchen Fällen sind die Tiere nur betäubt, wenn das Personal ihnen den Pelz abzieht. Es sind fürchterliche Szenen, die sich da abspielen. In China gibt es nach wie vor keine Tierschutzgesetzgebung; nur der Schutz gefährdeter Wildtierarten ist geregelt.

Konnten Sie sich im Umfeld dieser Pelzfarmen überhaupt frei bewegen?

Den Züchtern dort war vor meinem Dreh gar nicht bewusst, dass sie ihre Tiere tierschutzwidrig halten. Meist werden die Haltungsbedingungen erst kontrovers diskutiert, nachdem die Aufnahmen veröffentlicht sind. Ich drehe nur in den seltensten Fällen verdeckt

Einige Jahre zuvor hatten Sie aber einheimische V-Männer für Aufnahmen in China beigezogen …

Die Aufnahmen auf den grossen Pelzmärkten mit angeschlossenen Schlachthöfen wären für einen Westler nicht möglich gewesen. Ich habe einigen engagierten Tierschützern im Jahr 2005 in einem Crash-Kurs beigebracht, wie man sendefähiges Material dreht und sie dann vor Ort geschickt. Immer in grosser Sorge, dass die Kollegen in Schwierigkeiten kommen könnten. Auch die Zeit nach der Veröffentlichung der Aufnahmen auf den Webseiten der amerikanischen Tierschutzorganisationen HSUS und Peta war heikel. Wir mussten sicherstellen, dass unsere Mitarbeiter nicht noch nachträglich eruiert werden können. Ein britisches Kamerateam wurde ein Jahr später verhaftet, als es an unseren Drehorten weitere Aufnahmen machen wollte.

Was haben Sie schlussendlich erreicht?

Der wirtschaftliche Schaden für die Pelzindustrie Chinas durch unsere Aufnahmen war enorm. Zum Beispiel brach der Export von Marderhund-Fellen in die Vereinigten Staaten danach ein.

Bekannt wurden Sie mit TV-Bildern aus Skandinavien, die der «Kassensturz» am 4. Oktober 1982 ausstrahlte. Wie haben sie als Pionier das Umdenken in Sachen Pelztragen hierzulande erlebt?

Die Kampagne «Pelztragen ist Gewissensfrage» des Schweizer Tierschutzes war in den 80er-Jahren so erfolgreich, weil die Tierquälereien in den Pelztierfarmen erstmals zu sehen waren. Sämtliche Medien widmeten dem Thema breiten Raum. Der «Kassensturz» war damals ein Strassenfeger. Das Thema war lanciert, und die Leute wagten sich mit Pelzmänteln nicht mehr auf die Strasse.

Und im Ausland?

Die weltweiten Reaktionen waren phänomenal. Ab damals nahmen Tierschutzorganisationen das Thema auf. Vor allem Peta in den USA verstand es, Grössen aus dem Showbusiness für die Antipelz-Kampagne als Botschafter einzusetzen. Tausende Pelztierfarmen wurden geschlossen – und hunderttausende Tiere entgingen einem sinnlosen Tod.

Heute herrscht wieder ein Pelzboom. Wie erklären Sie sich diesen gesellschaftlichen Wandel?

Aufnahmen eines Fuchses in einer Pelztierfarm in Norwegen vom Mai 2003.

Bildlegende: Aufnahme vom Mai 2003: Das Bild eines Fuchses in einer Farm in Norwegen, das der Schweizer Tierschutz damals vorstellte, stammte von Rissi. Keystone

Eine Wirkung wie damals lässt sich heute nicht wiederholen; die Fernsehzuschauer sind heute an brutale Filmberichte gewöhnt. Und die Pelzindustrie leitete das Revival mit einer machiavellistischen Strategie ein. Anfangs 2000 wurden Echtpelz-Bordüren knallig eingefärbt, geschoren oder gewoben. So wurde der Unterschied zwischen Echt- und Kunstpelz verwischt, und langsam verschob sich dieser Trend wieder hin zum Echtpelz.

Seit 30 Jahren prangern Sie Missstände bei der Pelztierhaltung an. Ihnen wurden auch Vorwürfe gemacht …

Ja, mir wurde immer wieder vorgeworfen, alte Aufnahmen zu verwenden. Deshalb drehte ich weiterhin Pelztierfarmen, wenn es welche in der Nähe gab. Aber letztlich gleichen sich die Aufnahmen aus Skandinavien, Russland, Polen, Korea oder China von damals und heute. Die Käfige sind normiert und das Leiden der eingesperrten Tiere ist auf allen Pelztierfarmen das gleiche.

Hat sich die Situation aus Ihrer Sicht tatsächlich nirgends verbessert?

Doch, es gibt natürlich auch Erfolge. In Holland hat das Parlament kurz vor Weihnachten die Zucht von Nerzen in Farmen untersagt. Allerdings mit einer Übergangsfrist bis 2024, weil es um Millionen Tiere geht und damit eine ganze Industrie verboten wird. Holland ist nach China und Dänemark der drittgrösste Produzent von Nerzen.

Ab März gilt in der Schweiz eine Deklarationspflicht für Pelze und Pelzprodukte – auch zur Herkunft und zur Haltung des Tieres. Versprechen Sie sich davon eine Veränderung der Situation?

Das ist jedenfalls schon mal gut. Die Konsumenten bekommen damit die Informationen, wo und wie ein Pelz produziert wurde. Und können sich dann selbst überlegen, ob sie einen Fuchspelz wollen, der aus Käfighaltung stammt.

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Pelz: Importiert und weggeworfen

12 min, aus Einstein vom 10.1.2013

Zur Person

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Keystone

Regisseur Mark Rissi, Jahrgang 1946, stammt aus Sargans und realisierte seinen ersten Spielfilm 1975. Als TV-Journalist drehte er Dokumentarfilme über Tierschutz und sorgte unter anderem mit «Kassensturz»-Beiträgen über Pelztierhaltung für Aufsehen. Er ist auch für den Animal Trust und den Schweizer Tierschutz (STS) aktiv.

Label «Origin Assured»: Kritik im Film des Schweizer Tierschutzes