Seilbahn-Geschichte: Schweizer Innovationen für die ganze Welt

Die scheinbar unbezwingbaren Gipfel der Alpen machten die Schweiz zum Seilbahnbau-Pionier. Mit der ersten Personenluftseilbahn, dem Wetterhornaufzug bei Grindelwald, demonstrierte sie der Welt ihre Vormachtstellung. Und obschon nur 6 Jahre in Betrieb, legte sie den Grundstein für unser Seilbahnland.

Knapp 1'800 Seilbahnen gibt es in der Schweiz. Sie wurden während der letzten 100 Jahre zu einem unverzichtbaren Zweig der Verkehrsinfrastruktur. Doch ihre Bedeutung würde oftmals verkannt, meint Erwin Bloch, der sein ganzes Berufsleben lang für die Seilbahnindustrie arbeitete: «10 bis 15 Prozent der wirtschaftlichen Leistung der Schweiz entfällt auf den Tourismus. Aber ohne die Seilbahnen gäbe es ihn in der heutigen Form gar nicht!». Neben dem Tourismus sorgen die Bahnen auch dafür, dass die Abwanderung aus entlegenen Bergtälern verhindert werden kann.

Ein Seilbahn-Pionier aus Köln

Mit der Wetterhornbahn bei Grindelwald setzte die Schweiz den Grundstein für die Entwicklung der Seilbahn – weltweit. Wenngleich der Vater der Wetterhornbahn kein Schweizer war, sondern der Kölner Wilhelm Feldmann. Nachdem er in Deutschland und Österreich gescheitert war, eine Bewilligung für seine Bahn zum Personentransport zu bekommen, versuchte er sein Glück in der Schweiz. Und hatte Erfolg.

Aus verschiedenen Streckenvarianten, darunter auch eine auf das Matterhorn, entschied Feldmann sich schliesslich für das Wetterhorn. 1904 begannen die Bauarbeiten. Am 27 Juli 1908 öffnete die bis heute steilste Personenseilbahn der Welt erstmals ihre Türen.

Obschon die Wetterhornbahn nach Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914 ihren Betrieb einstellen musste, blieb sie Vorbild für die weitere Erschliessung der Alpen. Die Vorteile von Luftseilbahnen gegenüber schienenbetriebenen Fahrzeugen überzeugten: Steile Hänge und tiefe Schluchten konnten ohne aufwändige Geländeanpassungen oder Trassees überwunden werden. Die Bahnen, welche in der Zwischenkriegszeit realisiert wurden – namentlich die Säntisseilbahn –, hatten grosse internationale Strahlkraft und festigten den Ruf der Schweiz als Seilbahnland.

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Willi Feldmann über die Sicherheit der Wetterhornbahn

0:18 min, vom 25.6.2012

Seilbahnboom durch Skibegeisterung

In den 1930er und 40er-Jahren entwickelte sich das Skifahren mehr und mehr zum Breitensport. Ein prominenter Innovationstreiber war der Zürcher Ernst Constam. Er erfand das am weitesten verbreitete Skiliftsystem: den Bügellift. Den ersten liess er 1934 am Bolgen in Davos bauen. Bereits in der ersten Saison transportierte er 70‘000 Personen. Und noch im selben Jahr meldete Constam den Lift zum Patent an.

Der eigentliche Boom begann in den 50er-Jahren, als Skifahren zum Massensport wurde. Hunderte von Luftseilbahnen, Sesselliften und Gondelbahnen wurden gebaut. Innerhalb zweier Jahrzehnte erhielten die Schweizer Alpen ein neues Antlitz. Und mit der steigenden Zahl an Bahnen stieg das Vertrauen der Touristen in diese Technik.

Schwerer Unfall auf der Bettmeralp

Doch dann geschah eine Tragödie: 1972 kam es auf der Bettmeralp-Bahn zum bis dahin tragischsten Unfall der Seilbahngeschichte. Die Gondel raste ungebremst in die Talstation und zerschellte. 12 Menschen starben; 2 wurden schwer verletzt. Die Untersuchung zeigte, dass das Zugseil wegen Rostfrass gerissen war. Danach hatten die Fangbremsen versagt die die unkontrollierte Fahrt hätten stoppen sollen.

Das Unglück erschütterte das Vertrauen in die Technik. Aber es löste einen Neuanfang in der Seilbahnforschung aus. Sicherheitssysteme wurden überdacht. Das Vertrauen kehrte zurück.

«Die Schweiz braucht Innovationen»

Doch so richtig nach oben ging es für die Schweizer Seilbahnen nicht mehr. Ende der 70er Jahre wurde der Landschaftsschutz immer wichtiger. Neue Hänge durften nur noch ausnahmsweise erschlossen werden. Auch aus dem Ausland liess die Nachfrage nach. Die Schweizer Seilbahnindustrie steckte Anfang der 90er Jahre in einer tiefen Absatzkrise und der Marktführer Von Roll verkaufte nach knapp 120 Jahren seine Seilbahnsparte an den österreichische Doppelmayr-Konzern.

Seilbahn-Veteran Erwin Bloch sieht die Zukunft dennoch nicht verloren: « Die Seilbahnen in der Schweiz sind heute zwar auf dem aktuellsten Stand. Aber es braucht neue Innovationen, welche man im Ausland noch nicht kennt, damit die Schweiz wieder interessant wird.» Der neueste Coup der Schweizer Seilbahntechnik, die Stanserhorn-Cabrio-Bahn mit Sonnendeck, könnte ein Anfang sein.

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