«Mit einem ganz neuen Gefühl am Strand gelegen»

Das Wirtschaftsmagazin «ECO» und das Wissensmagazin «Einstein» widmen dem Thema Sand jeweils eine Spezial-Sendung. Im Interview erzählen die beiden Moderatoren Reto Lipp und Tobias Müller, wie überrascht sie selbst von der Brisanz des Themas sind.

Reto Lipp und Tobias Müller

Bildlegende: «Baywatch könnte man heute vergessen» – Sommerferien-Rückkehrer Reto Lipp und Tobias Müller. SRF/Corinna Daus

Haben Sie Ihre Sommerferien am Strand verbracht?

Tobias Müller, «Einstein»: Ja, ich war an der Westküste der USA. Aus der Recherche zur Sendung wusste ich, dass gerade dort die schwindenden Strände ein riesengrosses Problem sind. Viele würde es heute wohl gar nicht mehr geben, wenn die USA nicht Millionen aufwenden würden, um den Sand vom Meer ständig wieder an den Strand zu bringen.

Reto Lipp, «ECO»: Ich komme gerade aus Kreta. Dort bin ich mit einem ganz neuen Gefühl im Sand gelegen. Normalerweise denkt man ja: Meine Güte, Sand, das ist ja schön, aber eigentlich etwas nutzlos. Wenn man so viel erfahren hat, hat man ein ganz anderes Gefühl. Plötzlich dachte ich, ich sitze da auf etwas total Wertvollem.

Tobias Müller: Ich bin mit zwei Kollegen auf meiner Reise gewesen – und habe ständig von dieser Sand-Sendung erzählt: «Hey, wisst ihr eigentlich, der Sand da, der ist übrigens aufgeschüttet. Sonst gäbe es Venice Beach gar nicht mehr. Baywatch könnte man heute vergessen.» Es wird extrem interessant, wenn man das weiss. Da sieht man den Strand wirklich mit ganz anderen Augen.

Wieso behandeln «Einstein» und «ECO» das Thema Sand in dieser Ausführlichkeit?

Tobias Müller: Als das Thema bei «Einstein» aufgekommen ist, dachte ich: Aha, Sand, was wollen wir da genau erzählen? Irgendwann ist es dann konkreter geworden – und in den drei Jahren, in denen ich bei «Einstein» bin, hatte ich noch nie so viele Aha-Erlebnisse.

Tobias Müller kniet mit am Strand des Genfersees.

Bildlegende: «Einstein» vom Genfersee: Tobias Müller führt am 28.08.2014 aus der Westschweiz durch die Sendung. SRF

Reto Lipp: Als wir das Thema besprochen haben, dachte ich direkt: Das ist doch was für «Einstein». Warum machen wir in einem Wirtschaftsmagazin 25 Minuten zum Thema Sand? Aber relativ schnell merkt man dann, wie kostbar das Gut ist. Und wenn etwas kostbar ist, bekommt es einen Preis. Dieser steigt, je kostbarer es wird. Von daher ist es eine total ökonomische Angelegenheit.

Tobias Müller: Mir ist es lustigerweise umgekehrt genauso gegangen. Als ich noch nicht wusste, dass ihr, Reto, auch etwas macht, habe ich gedacht: Für «ECO» wäre das auch noch ein Thema – gerade weil der Sand so wertvoll werden wird.

Reto Lipp, was hat Sie als Wirtschaftsmann am meisten überrascht am Thema?

Reto Lipp: Mir war einfach nicht klar, dass Sand so ein knappes Gut ist. Es heisst ja «wie Sand am Meer». Eigentlich müsste man die Redewendung jetzt sofort streichen. Denn, wenn man das sagt, meint man fast unendlich viel, und das ist ja nicht mehr so. Mir ist nicht klar gewesen, dass Sand ein Rohstoff ist, den man braucht, um so viele Dinge herzustellen. Für mich war Sand einfach Strand.

Und aus der wissenschaftlichen Perspektive,Tobias Müller?

Tobias Müller: Mich hat erstaunt, dass man aus wissenschaftlicher Sicht schon wahnsinnig viel weiss, was Sand anbelangt; seien es Zahlen oder die Konsequenzen, die der immense Sandabbau hat. Und jetzt geht es eben ins Politische hinein. Die Politiker auf dieser Welt haben noch überhaupt keine Ahnung, dass das Thema Sand so extrem wichtig ist. Jetzt bräuchte man – wie bei der Energie – auch eine «Sandwende».

Gibt es in der Schweiz Anstrengungen diesbezüglich?

Tobias Müller: Es läuft im Moment ein Nationalfonds-Projekt, das im Raum der Rhône versucht herauszufinden, wie viele der Sedimente des Aletschgletschers, der der grösste Gletscher Europas ist, es überhaupt noch bis in den Genfersee schaffen. Und es gibt jetzt schon Vermutungen, dass es nicht mehr sehr viel ist, weil beispielsweise über die Staumauern so viel zurückgehalten wird. Ich rechne damit, dass sie am Schluss Resultate haben werden, die alarmierend sind. Aber bevor die Politik das nicht anpackt und sagt «Jetzt müssen wir was unternehmen», wird nichts passieren.

Ihre Dreharbeiten haben in der Sand-Branche stattgefunden. Was haben Sie währenddessen erlebt?

Tobias Müller: Wir waren auf einem Schwimmbagger auf dem Genfersee. Die Person, mit der wir vor Ort waren, ist interessanterweise noch Geologe. Er hat uns gezeigt, wie der Sand durch den Abbau nachrutscht. Man hat das eindrücklich gesehen. Sie müssen wieder auffüllen, damit nicht irgendwann die Ufermauer in Mitleidenschaft gezogen wird – die übrigens ans Anwesen von Michael Schumacher grenzt.

Reto Lipp steht in einer Kiesgrube.

Bildlegende: Reto Lipp präsentiert das Wirtschaftsmagazin «ECO» vom 25.08.2014 aus der Kiesgrube Nuolen, SZ. SRF

Reto Lipp: Wir waren in einer Kiesgrube. Ich glaube, die Betreiber waren froh, dass man mal zeigt, wie wichtig die Branche eigentlich ist. Denn sie stellen schon fest, dass es wahnsinnig schwierig ist, Genehmigungen zu bekommen für neue Kiesgruben. Hinzu kommen sehr viele Auflagen. Sie wollten uns auch zeigen, dass sie etwas aus den Gruben machen, wenn sie nicht mehr in Betrieb sind. Dann entstehen Naturschutzgebiete oder Golfplätze. Wer weiss schon, dass er auf einer ehemaligen Kiesgrube Golf spielt?

Tobias Müller: Reto hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich glaube, sie sind wirklich froh, dass man mal sagt: Der Sand ist wichtig, wir brauchen diesen Sand. Und darum machen wir das, was wir machen.

Reto Lipp: Früher, wenn ich eine Kiesgrube gesehen habe, dachte ich auch oft: Entsetzlich, das sieht aus wie ein riesiges Loch in der Landschaft. Jetzt bekommt man schon eine etwas andere Optik. Man merkt, wir brauchen diesen Sand, wir können ihn in der Schweiz selbst abbauen und müssen ihn nicht aus anderen Ländern nehmen, in denen er dann an den Stränden fehlt. Und wenn es im eigenen Land möglich ist, soll man es auch machen – aber mit entsprechenden Umweltvorschriften, zum Beispiel, dass die Gruben wieder zurückgeführt werden. All das finde ich sinnvoll, einmal zu zeigen.

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