Wie die Schweiz ihre Flüsse und Bäche bändigte

Mit viel Aufwand werden in der Schweiz Flüsse und Bäche in ihren natürlichen Zustand zurückversetzt. Damit machen wir rückgängig, was unsere Vorfahren in Handarbeit erschaffen haben – mit Stolz, denn damals machten die Eingriffe Sinn, zu Beispiel wegen Seuchen. Ein Rückblick.

Kaum ein Schweizer Fluss oder Bach fliesst heute noch in seinem natürlichen Bett. Rund 15‘000 Kilometer Fliessgewässer sind begradigt, kanalisiert, befestigt oder überdeckt. Seit frühester Zeit hat man in den Lauf der Flüsse eingegriffen: Schon die Helvetier und die Römer haben Uferbefestigungen gebaut.

Im grossen Stil «korrigiert» wurden die Fliessgewässer in der Schweiz ab dem 18. Jahrhundert. Korrigieren ─ das bedeutete: Dämme bauen, den Flusslauf begradigen und in Kanäle zwängen. So geschah es etwa an der Linth, am Alpenrhein und an der Aare.

Abholzung, Erosion, Überschwemmung

Menschen stehen in einer überfluteten Stadt im Wasser

Bildlegende: Überschwemmung der Linth in Weesen vor der Linthkorrektur. Undatierte Radierung, veröffentlicht 1810. Keystone

Hauptgrund für die Eingriffe waren Überschwemmungen. Die Ursachen dafür lagen flussaufwärts an den Berghängen: Mit dem Beginn der Industrialisierung wurde dort mehr Holz geschlagen. Die entwaldeten Hänge konnten Niederschläge und festes Material fortan schlecht zurückhalten. Wassermassen stürzten fast ungehindert zu Tal und rissen Geröll und Schlamm mit.

Das Geschiebe erreichte die Ebenen: Flusssohlen füllten sich auf und Flüsse traten über die Ufer. Die Hochwasser zerstörten Häuser, Strassen und Kulturland. In den sich bildenden Sümpfen brüteten Mücken, die Krankheiten übertrugen. So war die Malaria, die heute vor allem in den Tropen wütet, damals auch in der Schweiz verbreitet.

Mehr Einwohner brauchen mehr Platz

Ausgerechnet zur Zeit der grossen Hochwasser wuchs auch die Schweizer Bevölkerung stark an: Die Einwohnerzahl stieg zwischen 1700 und 1900 auf fast das Dreifache. Die Menschen brauchten mehr Platz – zum Wohnen, aber auch, um Nahrungsmittel anzubauen. Diesen Raum rang man den Flüssen ab. Zu Landwirtschaftsflächen verwandelte man das so gewonnen Land oft erst später, zum Beispiel für die legendäre «Anbauschlacht» im Zweiten Weltkrieg.

Positive Effekte der Flusskorrektionen

Andere Flussabschnitte korrigierten unsere Vorfahren, um sie schiffbar zu machen. Das war ein Vorteil für den Handel. Überhaupt trugen die Bach- und Flusskorrekturen des 19. Jahrhunderts dazu bei, dass sich grosse Teile der Schweiz wirtschaftlich entwickeln konnten.

Das Seeland um Biel zum Beispiel wandelte sich nach der sogenannten «Juragewässer-Korrektion» vom Sumpfgebiet zum Gemüsegarten der Schweiz. Dank den Flussverbauungen konnten die Menschen nun vielerorts gefahrlos in Flussnähe siedeln und Landwirtschaft betreiben. Und Krankheiten wie die Malaria sind hierzulande verschwunden.

Heute: Zurück zur Natur!

Noch unbewachsenes Flussufer mit neu gestalteten Buchten

Bildlegende: Renaturierte Uferbereiche wie hier an der Limmat sollen Tieren und Pflanzen einen vielfältigen Lebensraum bieten (aufgenommen im September 2013). Keystone

Kein Wunder also: Im 19. Jahrhundert war man stolz darauf, die Flüsse in die Schranken gewiesen und die wilde Natur gebändigt zu haben. Doch was damals mit Schaufel, Spaten und Pickel erschaffen wurde, macht man heute teilweise rückgängig. Weshalb?

Man hat unter anderem erkannt: Unter dem brachialen Hochwasserschutz und den entstandenen monotonen Lebensräumen hat die Artenvielfalt stark gelitten. Mit Renaturierungen will man den Gewässern nun einen Teil ihres natürlichen Charakters zurückgeben.

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