Die Schönheit des Scheiterns

  • Montag, 2. Dezember 2013, 14:10 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Montag, 2. Dezember 2013, 14:10 Uhr, Radio SRF 3
  • Wiederholung:
    • Samstag, 7. Dezember 2013, 12:45 Uhr, Radio SRF 3

«Inside Llewyn Davis» ist vielleicht nicht der beste Coen-Film, aber mit Sicherheit einer der schönsten. Wie die Brüder die Folk-Szene im New Yorker Village Anfang der 60er Jahre als eine Art Zwischenwelt aufleben lassen, zeugt von einem heiligen Ernst.

Kein Wintermantel, kein Geld: Folksänger Llewyn Davis (Oscar Isaac) ist schlecht ausgerüstet fürs Leben in New York.
Bildlegende: Kein Wintermantel, kein Geld: Folksänger Llewyn Davis (Oscar Isaac) ist schlecht ausgerüstet fürs Leben in New York. Ascot Elite

Llewyn Davis (Oscar Isaac) ist vermutlich der sympathischste Kotzbrocken der jüngeren Filmgeschichte. Er schwängert die Freundin (Carey Mulligan) eines Sängers (Justin Timberlake), der ihn schon mehr als einmal bei sich übernachten liess. Und dann versucht er diesen anzupumpen, um die Abtreibung zu bezahlen.

Gleichzeitig kümmert Llewyn sich mit herzerweichender Fürsorglichkeit um die Katze eines älteren Ehepaars, das ihm auch immer wieder unter die Arme greift. Dennoch bringt er es fertig, dass die Katze unter seiner Obhut entläuft. Nichts scheint diesem Möchtegern-Folksänger zu gelingen, am allerwenigsten eine Karriere.

Reale Vorbilder
Unterwegs zu einem Vorsingen in Chicago wird er von einem Jazzmusiker (John Goodman) mitgenommen, der ihn herunterputzt wie einen Schnösel. Danach kann ihn nicht mal mehr die Demütigung durch den Chicagoer Musik-Impresario (F. Murray Abraham) erschüttern.

Auch wenn alle Figuren fiktiv sind, so ist der Film stark in der musikhistorischen Realität des Jahres 1961 verankert. Nicht nur spielen und singen sämtliche Akteure reale alte Folksongs, sie haben zum Teil auch reale Vorbilder. Etwa der junge Musiker (Stark Sands), der in Soldatenuniform auftritt.

Die Coens als Folk-Archäologen
Diese Figur geht auf Tom Paxton zurück, der nicht nur traditionelle Folksongs sang, sondern auch neue schrieb und damit den Weg zu den Singer-Songwritern ebnete. Stark Sands singt Paxtons «The Last Thing on My Mind» so klar, dass die Worte direkt ins Herz gehen.

Nach «O Brother, Where Art Thou» (2000) ist dies bereits der zweite Film, in dem Joel und Ethan Coen vergessene Folksongs wieder ausgraben. Via eine Anspielung, die hier nicht verraten werden soll, schlagen sie sogar eine Brücke zwischen den beiden Filmen.

Wie so oft konzentrieren sich die Coens nicht auf die Gewinner, sondern auf die Verlierer. Llewyn Davis ist quasi der Prototyp eines Verlierers, der scheitert, kurz bevor ein gewisser Robert Zimmermann in New York aufkreuzt und sich Bob Dylan nennt.

Aufhören vor dem Höhepunkt
Logisch, dass der Film in dem Moment aufhört, als Dylan auf die Bühne kommt, auf der Llewyn Davis tags zuvor den Folk-Klassiker «Dinks Song» alias «Fare Thee Well» sang. Dylan singt seinen eigenen Song «Farewell».

Die meisten Songs haben eine «Bridge». Und die Coens schlagen eine Brücke, unter der Llewyn Davis pennen kann. Oben stehen andere. Diese sonderbare Zwischenwelt zwischen Tradition und Moderne, in der es nicht um Pop und Erfolg, sondern um Ernst und Authentizität ging, entschwindet mit dem Abspann.

Sophie Guts Beitrag über den Soundtrack mit Hörbeispielen

Amerikanischer Trailer                 Deutscher Trailer

Autor/in: Reto Baer