«Electroboy» - Oder die Angst vorm Erfolg

Autor und Regisseur Marcel Gisler, der letztes Jahr für den Spielfilm «Rosie» den Zürcher Filmpreis erhielt, hat sich mit «Electroboy» erstmals als Dokumentarfilmer versucht. Allerdings hat sein Porträt von Florian Burkhardt fast schon hollywoodsche Dimension.

Regisseur Marcel Gisler interviewt Florian Burkhardt alias Electroboy.
Bildlegende: Regisseur Marcel Gisler interviewt Florian Burkhardt alias Electroboy. Vinca

Zuerst lernt man den Mops Hugo kennen, dessen Herrchen ihm den Hintern mit Feuchttüchlein abwischt. Dieses Herrchen heisst Florian Burkhardt und hat offenbar ein filmreifes Leben geführt. Sonst hätte ja Marcel Gisler nicht die Kamera auf ihn gerichtet.

Bald wird klar, warum. Florian wollte nämlich zuerst aus dem Elternhaus und dann aus der Schweiz ausbrechen. Unter einer Karriere in Hollywood sollte es nichts sein. Doch gingen ihm die Geduld und das Durchsetzungsvermögen ab, die in der Traumfabrik nötig gewesen wären.

Vom Catwalk zum Discopult
Warum sich anstrengen, wenn man es auch leichter haben kann? Dank Helfern kam nämlich plötzlich Florians Model-Karriere in die Gänge. Gucci und Prada wollten ihn exklusiv, das muss man sich mal vorstellen. Doch Florian zieht wieder den Stecker und lässt die Model-Karriere zum Schrecken seines Agenten Urs Althaus sausen.

Dann versuchte Florian sich unter dem Namen Electroboy als Party-Organisator in Zürich, bis Panikattacken auch diese erfolgsversprechende Karriere beendeten. Während man noch ungläubig die Augen reibt, taucht der Film langsam tiefer in Florians Biografie ein.

Schosshündchen und Feuchttüchlein
Man lernt seine bürgerlichen Eltern kennen, die getrennt leben und nicht recht wissen, was sie bei der Erziehung ihres schwulen Sohnes falsch gemacht haben. Marcel Gisler macht auch gar keine Schuldzuweisungen. Ihm reicht, was die Protagonisten vor der Kamera sagen. Daraus können sich die Zuschauer selber einen Reim machen. So einfach ist das zwar gar nicht, aber definitiv spannend und erstaunlich.

«Electroboy» ist das Porträt eines Getriebenen, der sein Bünzlitum so verzweifelt hinter sich lassen wollte, dass er am Ende genau wieder dort landete. Mit Psychopharmaka, Schosshündchen und Feuchttüchlein. 4 von 6 Filmbären.

Trailer / Reflexe über «Electroboy»

Autor/in: Reto Baer