«Her» - Verliebt in eine Computerstimme

Spike Jonzes Filme sind immer etwas anders: «Being John Malkovich» zeigte einen geheimen Zugang zum Gehirn des titelgebenden Schauspielers, «Adaptation» handelt von der Verfilmung eines Orchideen-Buchs. Und in «Her» geht es nun um einen Mann, der sich in eine künstliche Intelligenz verliebt.

Theodore (Joaquin Phoenix) ist nur scheinbar allein in seiner Wohnung, denn das Betriebssystem seines Computers ist ständig für ihn da.
Bildlegende: Theodore (Joaquin Phoenix) ist nur scheinbar allein in seiner Wohnung, denn das Betriebssystem seines Computers ist ständig für ihn da. Ascot Elite

Gleich zu Beginn sieht man, wie Theodore (Joaquin Phoenix) einen Liebesbrief in seinen Computer diktiert. Erst nach einer Weile merkt man, dass es gar nicht um seine Angebetete geht. Theodore verfasst gegen Honorar Liebesbriefe für fremde Menschen, die vor lauter Twitter und SMS verlernt haben, ihren Gefühlen tieferen Ausdruck zu verleihen.

Damit sind wir schon mitten im Thema von Spike Jonzes neuem Film «Her»: Liebe in einer nicht allzu fernen Zukunft, die einen sonderbar an die Vergangenheit erinnert. Die Mode wirkt aus verschiedenen vergangenen Epochen zusammen gestückelt. Die hoch geschnittenen Hosen verleihen Theodore etwas Hampelmannhaftes.

Real oder programmiert?
Los Angeles wird statt von Autos von Fussgängerströmen heimgesucht. Die meisten Leute scheinen mit sich selber zu sprechen, aber natürlich reden sie in ihre Headsets, die auf einen Knopf im Ohr reduziert sind. So hält auch Theodore ständig mit seinem neuen Betriebssystem Samantha (gesprochen von Scarlett Johansson) Kontakt.

Die «Dame» ist eine künstliche Intelligenz, die in der Beziehung zu Theodore ständig wächst. Was auch wächst, ist die gegenseitige Zuneigung. Einmal sagt Samantha: «Sind meine Gefühle real oder bloss programmiert? Diese Vorstellung tut wirklich weh.» Darauf antwortet Theodore: «Für mich fühlt es sich real an.»

Schöne neue Welt, aber nerdige Kleider
Das ist eine echte Lovestory. So führt uns Regisseur Spike Jonze ziemlich hinterlistig aufs Glatteis, wo die Virtualität die Realität ersetzt. Theodores Gefühle für die körperlose Samantha berühren uns. Das ist sicher das Erstaunlichste an diesem aussergewöhnlichen Film. Und wie Scarlett Johansson allein mit ihrer Stimme die wachsende Vertrautheit mit Theodore spürbar macht, ist schlicht grossartig.

Formal ist «Her» von einer fast klassischen Schönheit. Selten wurde Innen- und Aussenarchitektur so ästhetisch inszeniert. Die nerdig-biederen Kleider bilden einen grossen Kontrast dazu. In dieser Welt erscheinen virtuelle Wesen tatsächlich attraktiver als Menschen aus Fleisch und Blut. Aber Achtung, Samantha tut nicht, wie man meinen könnte, alles, was Theodore will. 5 von 6 Filmbären.

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Autor/in: Reto Baer