Natascha Kampusch, ein Fall fürs Kino

Das Verrückte an Sherry Hormanns «3096 Tage» ist, dass der Film nicht nur Natascha Kampusch, sondern auch ihrem Entführer Wolfgang Priklopil ein Gesicht gibt. Da sind nicht ein Mädchen und ein Monster, sondern einfach zwei Menschen.

Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) hält Natascha Kampusch (Antonia Campbell-Hughes) in einem winzigen Verliess gefangen.
Bildlegende: Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) hält Natascha Kampusch (Antonia Campbell-Hughes) in einem winzigen Verliess gefangen. Pathé Films

Schon ganz früh möchte man am liebsten Wegschauen, wenn der sichtlich überforderte Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt) die zehnjährige Natascha (Amelia Pidgeon) anschreit, sie solle aufhören zu weinen.

Mit Emotionen kann der 35-jährige Wiener ebenso wenig umgehen wie mit Frauen. Er lebt allein im Einfamilienhaus seiner Mutter (Dearbhla Molloy) und hat unter der Garage ein Verliess gebaut, das keine sechs Quadratmeter misst. Dort lebt Natascha jahrelang, ohne je Tageslicht zu sehen.

Entführer mit Mutterkomplex
Ein ungeheuerlicher Fall. Fast noch ungeheuerlicher ist nun, dass der Entführer und Peiniger im Film ziemlich menschlich rüber kommt. Statt als Monster, das man leicht verurteilen könnte, zeigt ihn Regisseurin Sherry Hormann als verklemmten Mann mit einem Mutterkomplex.

Fast noch mehr irritiert der völlig ausgemergelte Körper der irischen Schauspielerin Antonia Campbell-Hughes, die die ältere Natascha Kampusch verkörpert. Die junge Frau wurde von ihrem Kidnapper tatsächlich ausgehungert. Als sie mit 18 Jahren flüchten konnte, wog sie immer noch fast gleichviel wie als Zehnjährige.

Internationale Produktion
Im Grunde genommen machen die Filmemacher, die Schauspielerinnen und Schauspieler fast alles richtig. Trotzdem hat mich etwas stark gestört, und zwar die deutsche Synchronisation, die selten zu den Lippenbewegungen passte. Und wenn schon synchronisiert wurde, warum dann nicht Wienerisch?

Hier hat man bewusst auf den internationalen Markt geschielt und den Stoff Englisch verfilmt. Das ist schade und nimmt dem Film einiges an Authentizität. Österreichische Darsteller wären aus meiner Sicht ein Muss gewesen. 4 von 6 Filmbären.

Trailer

Autor/in: Reto Baer