Nazikinder auf Odyssee durch Deutschland

In eindringlichen Bildern erzählt Cate Shortlands «Lore» von fünf Geschwistern, die als Kinder von Nazis am Ende des Zweiten Weltkriegs versuchen, auf sich allein gestellt zu überleben. Australien schickt das verstörende Drama ins Oscar-Rennen.

Saskia Rosendahl entfaltet als Nazitochter Lore eine beachtliche Leinwandpräsenz.
Bildlegende: Saskia Rosendahl entfaltet als Nazitochter Lore eine beachtliche Leinwandpräsenz. Look Now!

An Filmfestivals gewinnen meistens Komödien oder Feelgood Movies den Publikumspreis, in Locarno sprach sich das Publikum dieses Jahr für das Zweitweltkriegsdrama «Lore» aus. Kaum zu glauben, aber offensichtlich sind wir Schweizer ein anspruchsvolles Kinopublikum.

Lore und ihre vier jüngeren Geschwister erleben das, was man keinem Kind wünscht. Da ihre Eltern Nazis sind, werden sie im Frühling 1945 von den Alliierten verhaftet. Die Mutter wies Lore an, in diesem Fall zu Oma nach Hamburg zu gehen.

Judenpass als Vorteil
Um unentdeckt zu bleiben, wandern die Kinder, das jüngste noch ein Baby, auf Nebenwegen vom Schwarzwald aus Richtung Norden. Denn Nazis zu sein, ist auf einmal ein fataler Nachteil, und ein Judenpass kann lebensrettend sein.

Dies erfahren die Kinder, als sie in eine amerikanische Kontrolle geraten und der ihnen unbekannte Thomas einen Judenpass vorweist und kurzerhand behauptet, die Kinder seien seine jüngeren Geschwister und hätten ihre Papiere im KZ Buchenwald verloren.

Starkes Stück Kino
Beklemmend zeigt der Film Lores inneren Zwiespalt: die Freude, gerettet worden zu sein, die Abscheu, dass ihr Retter Jude ist. Die Hirnwäsche, der deutsche Kinder während der nationalsozialistischen Herrschaft ausgesetzt waren, lässt sich nicht von einer Minute zur anderen ungeschehen machen.

Mit dem Blick einer Psychologin oder Verhaltensforscherin registriert Cate Shortlands Kamera Lores zaghafte Veränderung, je weiter die Kinder nach Norden vordringen. Indem die australische Regisseurin die Kinder der Täter zeigt, die plötzlich auch zu Opfern werden, ermöglicht sie ein differenziertes Hinsehen, das weit über den üblichen Reflex «Nazis = böse» hinausgeht. Insofern ist «Lore» ein starkes Stück Kino. Unbedingt sehenswert.

DRS 2 Interview mit Cate Shortland

Autor/in: Reto Baer