Fremd in der Heimat – wem gehört die Lindenstrasse?

Viele Ausländer, alteingesessene Schweizer, die sich gestört fühlen – das war die Lindenstrasse in Luzern 2007. Heute ist sie im Umbruch, wird saniert und aufgewertet. Aber es hat nicht mehr Platz für alle. Manche sind schon weg, andere fürchten, ihre Heimat hier zu verlieren.

Auf dem Dreh zu «Fortsetzung folgt – Neue Heimat Lindenstrasse»

Bildlegende: Auf dem Dreh zu «Fortsetzung folgt – Neue Heimat Lindenstrasse» SRF

Als die «DOK»-Autoren Beat Bieri und Ruedi Leuthold 2007 das schwierige Zusammenleben an der Lindenstrasse dokumentierten, ahnten sie nicht, wie stark sich dieser Ort bald wandeln würde. Seit der Gemeindefusion 2010 gehört die Lindenstrasse zur Stadt Luzern. Die Pläne zur Quartierentwicklung gehen voran, auch dank des Engagements eines finanzkräftigen Immobilieninvestors.

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Frau Rey und wie die Schweiz in ihren Augen sein sollte

1:06 min, vom 24.4.2015

Kein Bier mehr vor Mittag

Die Lindenstrasse damals: baufällige Häuser, Bordellbetriebe, Abfall, lautstarke Auseinandersetzungen in der Nacht. Und so mancher Schweizer fühlte sich an den Rand gedrängt, in diesem Schmelztiegel der Nationen im Schatten des Zimmereggwaldes. Viele zogen weg und jene, die blieben, schufen sich kleine Rückzugsgebiete inmitten des Fremden. Dafür waren die Mieten billig und das Leben voller Überraschungen.

Acht Jahre nach der Ausstrahlung des «DOK»-Films hat sich das Gesicht des Quartiers erneut verändert. Billiger Wohnraum ist verschwunden und mit ihm viele bekannte Gesichter. Auch das Haus von Coiffeuse Carmen wird umgebaut. Die neue Ladenmiete wird sie nicht zahlen können. Heimatlos sind die Männer vom Stammtisch im «Gartenhaus», dieser «Chnelle», wo man gern schon vormittags vor dem Bier sass und sich die beiden Wirtinnen um manchen Gestrandeten kümmerten.

Ausgehmeile statt «Ghetto»?

Heute fällt im «Gartenhaus» mittags und abends urbanes Volk ein, bestellt Fleischvogel oder Hackbraten. Das Geschäft läuft und bringt eine ganz neue Klientel in die Lindenstrasse.

Renoviert wurde auch das Haus Nummer 46, wo Abwartin Hanni Rey zum Rechten schaute. Wir wollten sehen, wer da jetzt wohnt. Aber es gibt keine Namen, nur Nummern und Buchstaben. Zimmer für Temporäraufenthalter, keine Heimat.

Mona Vetsch trifft Ueli Breitschmied

Bildlegende: Mona Vetsch trifft Ueli Breitschmied. SRF

Ein Investor mit Vision

Ueli Breitschmid hat keine Angst davor, aufzufallen. In einem Oldtimerschlitten kreuzt er durch die Lindenstrasse. Ist der Investor der reiche «bad guy»? So wirkt er auf mich nicht, der Mann mit Rossschwanz und breitem Grinsen, erfolgreicher Unternehmer mit Zahnpflege-Imperium und Weinbaugebieten. Er hat einen Narren gefressen an der Lindenstrasse. Etwa die Hälfte der Häuser gehören schon ihm: «Wo Neues entstehen soll, muss Altes weichen.» So sei das. Seine Vision: Die Lindenstrasse soll sich zur Ausgehmeile entwickeln.

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Mona Vetsch an der Lindenstrasse: Kaleidoskop der Kulturen

2:19 min, vom 24.4.2015

Immer noch farbig und vielfältig

Aber man findet die Strasse noch, an der sich die halbe Welt trifft. Der Roma Ali Sejdija ist noch da, einer seiner Söhne ist gerade in der RS. Das Lädeli ist portugiesisch, vor dem Massagesalon steht eine Frau aus Thailand, die die Sonnenbrille lieber anbehält, und dann spricht mich die verschleierte Nathalia an.

Sie kommt mit ihrem Mann gerade aus dem muslimischen Gebetsraum. Auch sie fühlen sich hier akzeptiert, und akzeptieren ihrerseits, dass nebenan ein Bordell betrieben wird. Es sind solche Kontraste, die für mich den Reiz des Quartiers ausmachen.

Plötzlich zwei Lindenstrassen – welche darf bleiben?

Und eine schöne Seitengeschichte zum Schluss: Mit der Gemeindefusion gab es plötzlich zwei Strassen mit diesem Namen in der Stadt Luzern. Unsere «Lindenstrasse» durfte ihren behalten. «Wegen des SRF-Films!» argwöhnten die Anwohner der unbekannten und deshalb umbenannten Lindenstrasse, an der – Ironie der Geschichte – auch Dokumentarfilmer Beat Bieri wohnte.

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