Das weisse Nichts

Kaum ein Game lässt den Spieler erst einmal so ins Leere laufen wie «The Unfinished Swan» im wahrsten Sinn der Worte. Eine Art Ego-Shooter, den aber auch 7-Jährige spielen können, ohne dass sich die Jugenschutzbehörden einschalten müssen.

Es führt ein Weg nach Nirgendwo...
Bildlegende: Es führt ein Weg nach Nirgendwo...

Das Prinzip kennt man: Schiessen aus der Ich-Perspektive, auf alles, was sich bewegt. Bloss dass sich bei «The Unfinished Swan» erst einmal gar nichts bewegt. Denn der Spieler startet im Nichts: In einer weissen Leere, in der weder Formen noch Farben, weder Umrisse noch Schatten erkennbar sind.

Eine Welt wie ein Scherenschnitt
Bloss ein kleiner Punkt zeigt an, wohin man zielt. Alles aus der Ich-Perspektive doch geschossen wird nicht in klassischer Ego-Shooter-Manier mit Pistolen und Raketenwerfern, sondern erst einmal nur mit schwarzer Farbe.

So werden mit jedem Schuss aus der Farb-Kanone mehr Umrisse und Flächen sichtbar, bis das Spielfeld einem schwarzweissen Scherenschnitt gleicht. So malen wir uns die Welt von «The Unfinished Swan» gleich selbst.

Der Schwan zeigt den Weg
Wir spielen Monroe, einen kleinen Jungen, der nach dem Tod seiner Mutter im Waisenhaus landet. Dort bleibt ihm als Erinnerung nur das Bild eines Schwans eine der vielen unvollendeten Malereien seiner Mutter.

Das Bild des Schwans wird Monroes Portal in eine andere Welt: In ein lang vergessenes Reich, dessen König fast alles mit Weiss übermalen liess, da ihm keine Farbe gut genug war. Nur die goldenen Fussspuren des Schwans sind im weissen Nichts zu erkennen. Und ihnen muss man folgen, will man mehr über diese Welt und ihren exzentrischen König erfahren.

Keine Langeweile keine Herausforderung
Doch der Weg hat Hindernisse. Um einen See zu überqueren, muss man etwa mit Schüssen aus der Farb-Kanone erst Steine im Wasser sichtbar machen und so eine Passage bilden. Oder es gilt später, wenn nicht mehr nur mit schwarzer Farbe geschossen wird und die Welt nicht mehr nur schwarz und weiss ist Efeu-Ranken wachsen zu lassen, um damit Hindernisse zu überwinden.

Das Spielprinzip variiert also und lässt in der kurzen Spielzeit (kaum mehr als 3 Stunden) kaum Langeweile aufkommen. Nie hat man das Gefühl, etwas unnötigerweises noch einmal machen zu müssen. Allderings: Richtig herausgefordert wird der Spieler auch nie. Dafür sind die Rätsel zu einfach, die es zu lösen gilt, mehr Pflichtaufgaben als Puzzles.

Weniger ist mehr
Den Reiz von «The Unfinished Swan» liegt in der Leere, die einem das Game anfänglich präsentiert auf visueller wie auf spielerischer Ebene. Dass das Spielprinzip (Farbe ins Leere schiessen) im Lauf der Geschichte erweitert und die Welt farbiger wird sorgt zwar für Abwechslung doch die wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen.

Die Momente, die nach dem Spiel am längsten in Erinnerung bleiben, sind jedenfalls die der ersten Minuten wenn man verloren im weissen Nichts steht und erst einmal herausfinden muss, um was es hier eigentlich geht. Manchmal ist weniger eben mehr.

Autor/in: Jürg Tschirren