Tokyo Jungle: Natur ohne Erbarmen, dafür mit Hut

Du bist ein niedlicher kleiner Zwergspitz. Du lebst in Tokyo, alle Menschen sind verschwunden. Deine Flirtbrille ist zwar «Jööö!», aber sie stillt den Hunger nicht. Überlebe!

Um Löwen und Dinos macht ein lebensfroher Spitz besser einen Bogen.
Bildlegende: Um Löwen und Dinos macht ein lebensfroher Spitz besser einen Bogen.

Das ist «Tokyo Jungle» - eine schlicht grossartige Game-Idee. Wir beginnen das Spiel mit dem genannten Zwergspitz. Das wohl niedlichste Hündchen der Welt, ein klassisches Haustier, gewohnt, dass man es liebevoll mit Häppchen versorgt. Doch die Versorger sind alle weg, der Spitz muss raus und jagen lernen.

Dabei kommt es im wesentlichen auf gutes Timing an. Wir schleichen uns an, versteckt im hohen Gras, das aus den Rissen im Asphalt spriesst, an einen Hasen oder eine vorwitzige Katze. Im richtigen Moment einen Knopf drücken - und unser Spitz macht einen gewaltigen Satz an die Kehle seiner Beute und tötet sie.

Die Texte im Spiel sind grossartig: «Du bist längst kein verhätschelter Hund mehr, sondern ein 1A-Jäger. Ein neues Selbstwertgefühl erfüllt dich. So etwas hast du noch nie empfunden.»

Dieses neue Selbstwertgefühl hielt dann übrigens nicht lange: Mein Zwergspitz begegnete einem Tiger. Vom Blutdurst verführt nahm ich an, dass bereits ganz Tokyo vor mir erzitterte, schlich mich hinter den Tiger und lancierte meine vernichtende Beissattacke. Zu meiner Überraschung erreichte ich allerdings die Kehle des Tigers nicht, sondern nur sein Hinterteil. Die majestätische Raubkatze schüttelte das winzige Hündchen ab, drehte sich gelangweilt um und schickte mich mit einem lässigen Prankenhieb in die ewigen Jagdgründe.

Erbarmungslose Natur
Im «Überlebens-Modus» bedeutet das: Wir beginnen von vorn. «TOT» zeigt uns das Spiel an, und das ist dann halt so. Erbarmungslose Natur. Wir müssen fressen, um nicht zu verhungern - eine «Hungeranzeige» setzt uns ständig unter Druck. Je hungriger wir sind, desto mehr Risiko gehen wir ein. Wir können uns keine Verschnaufpausen gönnen und das Leben geniessen. Und auch wenn wir mit der Zeit etwas stärker werden - gegen Tiger, Löwen oder Krokodile hat unser Zwergspitz keine Chance. Für die ist er im Gegenteil ein leckerer Snack, Flirtbrille hin oder her.

Inmitten dieses bierernsten Dramas finden wir Geschenkpakete, in denen Nahrung, Medizin, Wasser oder Kleidungsstücke sind. Eben die «Flirtbrille», zwei rote Herzchen, die wir unserem Zwergspitz aufsetzen können. Alles in Tokyo Jungle ist ironisch gemeint - gerade weil diese Ironie so ernsthaft durchgezogen wird, ist sie so witzig.

Wie die Karnickel
Mein nächster Zwergspitz ist also etwas vorsichtiger, macht um grosse Raubtiere einen Bogen und überlebt etwas länger. Nun fordert mich das Spiel auf, ein echter Rüde zu werden und ein Weibchen zu suchen. Dazu muss man ein Gebiet erobern (Fähnchen anpinkeln), worauf mehrere Weibchen erscheinen. Die «verzweifelten» versuchen wir zu meiden; um die stolzen vom Wert einer Paarung zu überzeugen, müssen wir allerdings selber gross und stark sein. Haben wir ein geeignetes Plätzchen gefunden, schnüffelt das Männchen am Hintern des Weibchens und besteigt es. Und das Spiel gewährt dem Paar vornehm etwas Privatsphäre und blendet aus.

Kaum zurück, hat das Weibchen bereits geworfen und wir spielen mit der neuen Generation weiter. Ist uns zuvor eine gute Partie gelungen, sind die Sprösslinge etwas stärker als die Eltern. Und wir haben nun ein Rudel, was uns das Überleben erleichtert. Denn stirbt die gesteuerte Hauptfigur, übernehmen wir das nächste Viech im Rudel; erst wenn alle weg sind, sterben wir aus.

Jagen, fressen, flüchten, fortpflanzen - das ist «Tokyo Jungle». Das kleine japanische Studio «Crispy's!» nennt es «Urban based animals survival genre» - und hat den wohl einzigen Vertreter dieses Genres produziert.

Den Zwergspitz habe ich übrigens aufgegeben. Ich bin offenbar als Pflanzenfresser besser. Mit Hirsch, Gazelle oder Schwein überlebe ich deutlich länger, flüchten scheint mir mehr zu liegen als die Jagd. Da kommen Wahrheiten ans Licht, es ist verrückt.

Was «Tokyo Jungle» mit «Metal Gear Solid» zu tun hat und was nicht ganz so toll wie die Idee ist, lest ihr im Blog: «Tokyo Jungle: Natur ohne Erbarmen, dafür mit Hut».

Brutale Natur:
Fressen, flüchten, fortpflanzen.
Mit Herzchen-Brille.

Zur ausführlichen Kritik


Autor/in: Guido Berger