TV-Karriere mit Brüchen Christoph Hürsch – Die Stimme der SRF-Sommerserie

Er war 1978 der erste männliche TV-Ansager beim Schweizer Fernsehen und ein mutiger noch dazu. Christoph Hürsch, geboren am 31. März 1955. Kein anderer Ansager hat vor der Kamera so viel Unfug angestellt, wie er. Jetzt gibt es ein Wiederhören mit Christoph Hürsch, bei der «DOK»-Serie «Geboren am…».

Sie ist etwas tiefer geworden im Laufe der Jahrzehnte und nach ein paar Zigaretten mehr – die Stimme von Christoph Hürsch. Und doch wecken Klang und Farbe sofort das Erinnerungsvermögen. Wer in den Jahren 1978 bis 1989 mit dem Schweizer Fernsehen aufgewachsen ist, kann getrost behaupten: Das ist «mini Stimm – mis Färnseh».

«  Ich war immer froh, wenn ich nichts sagen musste in der Schule. »
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«Ich war der erste männliche Ansager im Schweizer Fernsehen»

2:07 min, vom 12.7.2017

Geboren am 31. März 1955 hat Christoph Hürsch ein bewegtes Leben hinter sich, mindestens so bewegt, wie das Leben der Mitwirkenden vor der Kamera bei «Geboren am…». Die Frage sei daher erlaubt: Wie gut hat es das Leben mit dem Sprecher Christoph Hürsch gemeint?

«Ich war ein total schüchterner Schüler, ein schüchterner Mensch. Ich war immer froh, wenn ich nichts sagen musste in der Schule. Und habe immer aufmerksam zugehört, um Präsenz zu markieren, aber interessiert hat es mich nicht. Ich wusste nie, von was die da vorne reden, habe lieber an meinen Sachen rumstudiert. Paradox war ja dann, dass ich als schüchterner Mensch, der nicht reden konnte, später Sprecher wurde.»

«  Meine Ideen fand man in der Familie nicht so glatt. »

Aufgewachsen ist Christoph Hürsch in Winterthur. «Mein Vater war Bauingenieur, mein Grossvater Chefredaktor beim ‹Landboten› in Winterthur, meine Kindheit war schön, aber ich kann mich an nicht viel erinnern.» Nur eines scheint relativ rasch klar: «Meine Ideen fand man in der Familie nicht so glatt. Sie fanden den Spinner, den Clown und Pantomimen nicht lustig. Sie liessen mich machen, aber ich fühlte mich immer etwas eingeengt, weil ich anders gedacht habe, als die anderen.»

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«Ich habe gezittert... Das Studio 1 voller Leute und mit den S...

0:59 min, vom 12.7.2017

Die anderen finden ihn dafür umso lustiger. Christoph Hürsch, das «Kompaniekalb». Für die Theaterbühne ist er zu sensibel. Er hat starkes Lampenfieber. Es ist ein Anruf aus dem Fernsehstudio Leutschenbach, der seinem Berufsleben schliesslich eine überraschende Wende gibt. «Ich war dabei nach London zu gehen, um Musik zu machen. Da ruft das Fernsehen an und ich wurde der erste männliche Ansager.» Er gehört ab 1978 zum legendären Ansager-Team um Regina Kempf, Silvia Hauser und Dorothea Furrer.

«Der erste Mann, das war der grosse Kick!» Sein komödiantisches Talent wird von den TV-Machern der Sendung «Musik&Gäste» entdeckt: «Gianni Piaggi (Regisseur) und Toni Wachter (TV-Produzent) haben sich danach immer etwas einfallen lassen für den Anfang der Sendung.» Christoph Hürsch tritt auf im Smoking, im Engelskostüm oder im Sturzbachregen. Kein Gag ist zu schräg.

Eine Lebenskrise setzt der TV-Karriere ein Ende

Doch für Christoph Hürsch ist es eine Liebe mit Schlagseite. Während das Publikum applaudiert, leidet Hürsch innerlich:

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«Ich konnte nirgends mehr hin, ohne angesprochen zu werden»

0:59 min, vom 12.7.2017

Er tritt ab von der öffentlichen Bühne. Von heute auf morgen. Das ist 1989.

Hürsch spricht zwar Werbespots und Industriefilme. An Arbeit mangelt es nicht. Aber sonst gleicht sein Leben einer Berg- und Talfahrt. Einsamkeit, Depressionen, Ängste. Christoph Hürsch muss sich mehrmals rappeln.

Verheiratet ist er nie. Er, der im Beruf sekundengenau auf Bilder sprechen kann, er trifft es privat nie so richtig mit dem Timing. Seine Leidenschaft gehört den Texten. Lesungen, Sprechtexte. Hier fühlt er sich wohl, auch wenn der Weg bis zum Mikrofon nicht immer einfach ist. Die Nervosität bleibt sein treuster Begleiter.

«  Alles geht in Flammen auf. »

2013 dann noch einmal ein heftiger Einschnitt. Sein Haus, sein Universum, geht in Flammen auf. «Das ist wie bei einem Flüchtling, wenn es dir alles mit der Welle fortspült. Du hast einfach nichts mehr. Ein Mischpult kannst du kaufen, nicht aber deine Fotos, deine Ideenkisten, deine Unterlagen, sowie 5'000 Geschichten, die ich gesammelt hatte, um Lesungen machen zu können. Ich stand draussen beim Brand, hatte nichts mehr ausser kurzen Hosen und ein T-Shirt und wusste, Christoph, jetzt wird es elementar. 30 Jahre Ordnung, alles geht in Flammen auf».

2017 ist Christoph Hürsch 62 Jahre alt. Als Stimme des Magazins «PTV – Gesundheit heute» ist er noch immer regelmässig bei SRF zu hören. Private Pläne? Gerne würde er noch ein Einmann-Programm realisieren. Vor allem aber ein Stück Stabilität wiederherstellen, nach dem Brand. «Ich bin einfach ein bunter Hund, aber damit höre ich jetzt auf, fertig lustig!» Sagt's und lacht.

Die Stimme des Lebens

Bis Mitte August heisst es für Christoph Hürsch: «Achtung, Aufnahme!» Woche für Woche sitzt er für die «DOK»-Reihe «Geboren am…» im Tonstudio und lässt dabei nicht nur das Leben von anderen Menschen Revue passieren. Es ist auch ein Stück Fernsehgeschichte, das da über die Bildschirme flimmert. Und Christoph Hürsch ist ein Teil davon. In jeder Hinsicht.

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«Egal, wie es mir geht. Ich sage einfach Ja.»

1:05 min, vom 6.7.2017

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