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Maria Walliser im Gespräch «Meine Tochter Siri klärte viel für mich»

Ex-Skirennfahrerin Maria Walliser suchte lange das Tempo – bis für sie ein völlig neuer Lebensabschnitt anbrach. Im Interview spricht sie über Naivität und Unerwartetes.

Legende: Video «Das war ein stumpfsinniger Gedanke» abspielen. Laufzeit 01:14 Minuten.
Aus Geboren am vom 15.08.2017.

Maria Walliser, waren Sie ein freches Kind?

Ich war sieben Jahre lang das jüngste Kind. Als meine Schwester Alexandra auf die Welt kam, war ich wie befreit. Dann verschwand ich ab und zu. Manchmal stieg ich aufs Pferd und ritt einfach los. Das gab dann schon «Schimpfis», als ich nicht rechtzeitig wieder nach Hause kam.

Ich hatte viele verrückte Ideen. Und die konnte ich dann verwirklichen, weil sich alles um das Baby drehte. So wurde ich wie zu einer Räubertochter, schlug schnell die sportliche Schiene ein.

Wann standen Sie das erste Mal auf Skiern?

Etwa mit drei Jahren.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie gut darin sind?

Ich kann mich nicht erinnern. Meine Mama sagt, dass ich schon mit neun Jahren den Wunsch äusserte, ein Weltcuprennen zu gewinnen. Dass es nachher so weit kam, konnte niemand wissen. Es sind so viele Glücksfälle zusammengekommen.

Wenn man im richtigen Moment am richtigen Ort ist und sein Potenzial abrufen kann – dann verändert das vielleicht das Leben und löst sogar eine Karriere auch. Bei mir gab es auch so ein Rennen. Wenn ich dort im ersten Lauf rausgeflogen wäre, keine Ahnung was dann passiert wäre.

Legende: Video «Die Sportwelt konnte das nicht begreifen» abspielen. Laufzeit 01:18 Minuten.
Aus Geboren am vom 15.08.2017.

Niemand kannte Sie bis zu diesem Skirennen, das Sie eben angesprochen haben. Wie war es, nach Erika Hess Zweite zu werden?

Verrückt. Es passierte einfach. Ich stand dann dort. Wusste nicht, was jetzt passierte und dann fragten die Journalisten hinter mir «Ja, wo ist jetzt diese Maria Walliser?» und ich drehte mich um und sagte «Das bin ich».

Die Türe zur Welt war offen. Wenn ich gestürzt wäre oder im zweiten Lauf nach hinten gefallen wäre, es hätte sich niemand umgedreht. Nachher brauchte es viel Fleiss, das Ganze durchzuziehen.

Standen Sie gerne in der Öffentlichkeit?

Eigentlich nicht bewusst. Das wurde mir einfach so zugeteilt. Ich dachte, wenn man mir das zutraut, dann mach ich das. So war es später auch bei anderen Dingen. Eine gewisse Naivität macht es viel einfacher – deshalb möchte ich die auch bis ins hohe Alter behalten.

Wie erlebten Sie die Pubertät in diesem Ausnahmezustand?

Die Pubertät habe ich irgendwie übersprungen. Ich spürte sie indirekt, durch meine älteren Geschwister. Sie kämpften ständig darum, abends länger ausgehen zu dürfen. Mich interessierten diese Tanzveranstaltungen nicht. Ich war eher der Sportler-Typ und froh, wenn ich zuhause bleiben konnte.

Legende: Video «Beim Skifahren kommt man mit Denken nicht nach» abspielen. Laufzeit 01:43 Minuten.
Aus Geboren am vom 15.08.2017.

1990 kündigten Sie nach zehn Jahren Sportkarriere Ihren Rücktritt an. Warum?

Ich fing plötzlich an darüber nachzudenken, wie ich mich noch steigern konnte. Es war nicht so, dass mich die Jungen überholt hätten. Körperlich konnte ich mithalten und hatte keine Verletzungen. Es gab einfach einen Punkt, wo ich spürte: «Das ist es jetzt gewesen.» Es brauchte nicht einmal ein Ereignis. Es war wunderschön, und dann wollte ich mein Leben neu ausrichten.

Was kam danach?

Dann brach eine neue Epoche an. Meine Tochter Siri klärte so viel für mich. Ein grosses Glück. Keine Ahnung, wohin es mich sonst verschlagen hätte. Siri kam mit Spina bifida zur Welt. Meine Schwester ist Hebamme und stand mir damals extrem zur Seite.

Wie haben Sie und Ihr Mann sich während der Schwangerschaft darauf vorbereitet?

Maria Walliser (links) mit ihrem Mann und ihrer Tochter Siri.
Legende: Maria Walliser (links) mit ihrem Mann und ihrer Tochter Siri. SRF

Wir haben gewartet, geweint und gewartet. Gehadert. Liebe empfunden. Wut empfunden. Warum gerade wir? Da gehen einem ganz viele tiefe Sachen durch den Kopf, durchs Herz und durch die Seele.

Fanden Sie Antworten auf all die Fragen?

Unsere Tochter war die Antwort, weil sie einfach ein totaler Sonnenschein war. Sie steckte alle Operationen mit links weg – trotz der schwerwiegenden Befunde. Was mir auch half, war das therapeutische Wissen, das ich mir durch meine Sportkarriere angeeignet hatte – über Physiotherapie und medizinische Betreuung.

Ich konnte so schöne Stunden mit ihr verbringen und ganz viele therapeutische Massnahmen selber übernehmen. Dort waren wir als Familie sehr bei uns und liessen uns nicht abhalten.

Inwiefern veränderte Tochter Siri Ihr Leben?

Mein Mann und ich spürten viel Betroffenheit und lernten viele Menschen kennen. Und es entstand ein neuer Bezug zu etwas, das einfach stärker ist als wir, eine noch intensivere Naturverbundenheit. Das gab uns Kraft.

«Geboren am ...»

Historische Ereignisse unter einer Lupe
Legende: SRF

In der Sommerserie «Geboren am…» erzählen wir Geschichten von Menschen, die eines verbindet: Sie kamen am gleichen Tag zur Welt. Jede Folge zeigt drei Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten. «Geboren am...»: