Der persönliche Brief von Jenny Jürgens an ihren toten Vater

Am 21. Dezember 2014 starb Udo Jürgens an Herzversagen. An seinem ersten Todestag gedenkt Jenny Jürgens ihrem Vater in der deutschen Zeitung «Bild» mit herzzerreissenden Worten.

Udo Jürgens umarmt seine Tochter Jenny vor einer Fotowand.

Bildlegende: Udo Jürgens hatte zu Lebzeiten immer ein enges Verhältnis zu seiner Tochter Jenny (48). Keystone

Lieber Date‚

der Schmerz Deines plötzlichen Abschieds ist elementar. So unvorbereitet, so plötzlich, mitten aus dem Zenit Deines Erfolges und aus der Wiege Deiner Familie gerissen.

Ich habe mich oft gefragt, ob es Kinder, die sich vorbereiten können, leichter haben. Ich denke nicht, denn das bedeutet ja, dass sie ihre Eltern durch eine Krankheit begleiten müssen oder sie leiden sehen. Das war Deine grösste Angst. Nicht mehr Kontrolle zu haben, sich selbst körperlich und geistig vielleicht zu verlieren. Du hast in den letzten Jahren öfter darüber gesprochen, auch öffentlich, obwohl dieses ganze Thema für mich irgendwie immer heikel war.

Ein Mann wie Du – so kraftvoll, so ästhetisch, so kreativ, so gross und immer so «Mitten im Leben». Wie hätte ich darüber sprechen sollen, ohne falsche Assoziationen zu wecken. Das einzig Tröstliche ist, dass ich weiss: Hättest Du eine Form zu gehen wählen dürfen, sie hätte genau so ausgesehen.

«  Hättest Du eine Form zu gehen wählen dürfen, sie hätte genau so ausgesehen. »

Jenny Jürgens
Tochter von Udo Jürgens

Es ist schon fast schicksalhaft. Dieser 80. Geburtstag lag Dir schwer auf der Seele. Omi und Opi waren beide mit 80 gestorben und diese Zahl war für Dich eine immense, emotionale Hürde. Niemand konnte ahnen, dass auch Du uns kurz nach diesem runden Geburtstag verlassen würdest. Vielleicht haben wir das auch alle ausgeblendet. Ein Udo Jürgens wird eben nicht alt, er bleibt mit seiner Musik und seinen Texten für immer an unserer Seite, so wie wir es seit Jahrzehnten kennen.

Wer Dich auf der Bühne sah, konnte keinen Gedanken an Trennung verschwenden. Wer sah, wie Du auf Deinem Flügel spieltest, der vergass die Zeit. Wer Deine Stimme hörte, verweilte mit tausenden Gleichgesinnten im Augenblick vereint. Das waren so verdammt starke Momente, Papa, diese Konzerte von Dir! Ich war jedes Mal so unfassbar stolz auf Dich! Ich wusste, Du warst stets schrecklich nervös, wenn Deine Familie kam. Ich hatte Dich 2014 dreimal gesehen. In Düsseldorf, München und Hamburg. Komisch, so oft wie nie auf einer Tournee. Ich war mir eben nicht sicher, ob Du überhaupt noch einmal auf Tour gehen würdest. Ich sollte Recht behalten und diese Endgültigkeit, die damit einhergeht, ist einfach nur brutal. Der Abschied der Eltern ist und bleibt eine Amputation.

Ich möchte hier nicht Deine unzähligen Erfolge aufzählen. Diese sind überall nachzulesen. Deine Begeisterungsfähigkeit war herausragend, fast kindlich. Es war dann eben nicht «Ein gutes Wurstbrot», sondern «Das beste Wurstbrot, das ich je gegessen habe» und es waren nicht hundert Gäste bei einem Empfang, sondern Tausende. Wir haben uns köstlich darüber amüsiert und Du selbst sagtest: «Eine Erzählung, die sich nur auf das Tatsächliche beschränkt, ist für den Zuhörer absolut langweilig!»

Überhaupt haben wir immer viel gelacht und «Loriots Humor» hatte in unserem Leben einen festen Platz. «Ich koche meine Eier nach Gefühl» war Mamas morgendlicher Lieblingssatz.

«  Deine grösste Liebe galt aber zweifelsohne Deinem kreativen Schaffen, Deiner Musik, Deinem Klavier. Nichts konnte dieser Liebe das Wasser reichen »

Jenny Jürgens
Tochter von Udo Jürgens

Deine grösste Liebe galt aber zweifelsohne Deinem kreativen Schaffen, Deiner Musik, Deinem Klavier. Nichts konnte dieser Liebe das Wasser reichen. Als Kind kommt es einer Lebensaufgabe gleich, das zu verstehen. In pragmatischen Momenten gelang das sehr gut. In emotionalen blieb eine stets ungestillte Sehnsucht.

Ich habe Dir nie einen Vorwurf gemacht, denn ich kenne diesen Beruf. Er katapultierte Dich in egomane Höhenflüge, um Dich dann in die für Dich oftmals so banale Alltäglichkeit zu entlassen. Oft sagtest Du: «Ich war kein guter Vater». Das stimmt so nicht – Du warst eben wenig da damals. So ist das eben, wenn man plötzlich zu einem Superstar wird.

In den letzten zwei Jahrzehnten haben wir das aber enorm aufgeholt, finde ich. Was in mir bleibt, sind hunderte gute, tiefgehende und philosophische Gespräche mit Dir – und so manches kühle Glas Wein.

Für Dich bedeutete die Musik eine Flucht in eine schönere Welt. Sie stellte für Dich, den dünnen, kränklichen, kriegstraumatisierten und sensiblen Jungen ein Sprachrohr dar. Alles schien möglich. Auf Noten getragen wurdest Du wahrgenommen, konntest Dich ausdrücken und erlebtest Selbstwertgefühl. Du sagtest immer, dass dieses Erlebnis eine Offenbarung für Dich war. Die Musik blieb Dein Tor zur Welt und eine Brücke zu Dir selbst.

Auch Deine wundervollen Fans haben Dich auf Ihren Schultern getragen. Ich weiss noch, dass wir einmal auf dem Boot am Zürichsee waren. Wir wollten anlegen, um essen zu gehen und an Land wartete bereits eine riesige Traube von Fans, bewaffnet mit Fotoapparaten. Uns Kindern war das ein Graus, hatten wir doch nur so wenige Momente mit Dir allein.

Ich schimpfte genervt und Du sagtest: «Liebe Jenny, ohne diese Fans kein Boot, kein Haus, keine verkaufte Schallplatte, nichts». Wie Recht Du hattest. Du hattest tiefsten Respekt und ich habe Dich sehr oft für Deinen Umgang mit Deinen Fans bewundert und Dich als Vorbild gesehen.

«  In der tiefsten Trauerphase waren es genau diese Deine Fans, die mir unendlich viel Trost zugesprochen haben »

Jenny Jürgens
Tochter von Udo Jürgens

In der tiefsten Trauerphase waren es genau diese Deine Fans, die mir unendlich viel Trost zugesprochen haben. Das war eine so liebevolle Erfahrung. Ich weiss, dass Sie alle Dich unendlich vermissen und ich möchte in Deinem Namen danke sagen für all die Gedenkfeiern, Konzerte und Veranstaltungen, die bisher zu Deinen Ehren gegeben wurden. Darum geht es. Dein Andenken hoch zu halten und die Nachwelt wissen zu lassen, was für ein Ausnahmekünstler Du warst.

Mein Gott, ja «warst», dieses seltsame Wort muss ich nun verwenden. Du hast ein grosses Werk hinterlassen und ja, ich möchte behaupten, Du hast zu Lebzeiten mit Deiner Musik die Welt ein Stück verändert. Zum Besseren. Trotz allem was geschehen ist und wie anstrengend 2015 für mich war: Es tut gut, wie die Monate nun vergehen und der Schmerz sich etwas verändert. Er kommt noch in tränenreichen Wellen, aber es gibt eben auch viele Momente der grossen Freude, der Liebe und des Glücks.

Genau das hättest Du auch gewollt. Mich lachen und glücklich zu sehen. Es geht mir gut, Papa! Ich werde mit Liebe beschenkt! Du wünschtest mir «Liebe ohne Leiden» – Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen.

Ich glaube nicht, dass ich Dich jemals wiedersehen werde, uns eint dieselbe Einstellung zu diesen Dingen. Aber Du bist für immer ein Teil von mir und ich bleibe einer von Dir.

Du sagtest: «Der Mensch ist erst tot, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert». Wenn das stimmt, lieber Papa, dann bist Du unsterblich. Ich liebe und vermisse Dich unendlich!

Deine Jennyline

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Udo Jürgens: Sein erster Todestag

    Aus glanz und gloria vom 21.12.2015

    Heute vor einem Jahr ist Udo Jürgens plötzlich verstorben. Der Entertainer ist eigentlich kerngesund, begeistert wenige Woche zuvor noch im Zürcher Hallenstadion. Doch dann, bei einem Spaziergang am Bodensee, bricht Udo Jürgens plötzlich zusammen. Das Herz versagt. Zum ersten Todestag veröffentlicht seine Tochter Jenny Jürgens (48) ein Hommage an ihren Vater in der «Bild». Der Brief beginnt liebevoll mit «Lieber Date» und endet mit einem Zitat der Legende.