Die «andere Entwicklungshilfe» Migranten verschicken Milliarden

2014 haben Migranten und Flüchtlinge aus der Schweiz mehr als 7 Milliarden Franken in ihre Herkunftsländer überwiesen. Mit dem Geld unterstützen sie ihre Familien. Der weltweite Geldstrom von jährlich über 400 Milliarden Franken ist für viele Entwicklungs- und Schwellenländer lebenswichtig.

Eine indische Frau läuft in Neu-Delhi an einem Schild vorbei, das Werbung macht für die Geldtransfer-Firma "Western Union".

Bildlegende: Weltweit leben mehr als 65 Millionen Menschen als Migranten. Ein grosser Teil von ihnen schickt oder empfängt Geld. Keystone

Lisa Maria Araujo arbeitet eigentlich mehr für ihre Familie in Portugal, als für sich selbst. Seit bald zwei Jahren ist die 50-jährige Pflegehelferin jetzt in der Schweiz. Sie arbeitet in einem Alters- und Pflegeheim in Ilanz. Am Ende des Monats bleiben ihr nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge rund 4‘000 Franken Lohn. Die Hälfte davon schickt sie nach Portugal.

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Lisa erfüllt sich einen Traum

2:36 min, vom 29.5.2017

«Ich habe zwei erwachsene Söhne und eine sehr alte Mutter», erzählt sie. «Der eine Sohn studiert, der andere ist arbeitslos, wie jeder Vierte der unter 25-Jährigen.» Auch die Mutter ist zum Teil finanziell von Lisa abhängig. «Mit meinem mageren Gehalt in Portugal hätte ich das niemals stemmen können», sagt Lisa Maria nüchtern. Sie musste eine Entscheidung treffen. Sie ging in die Schweiz.

Die Zahlungen der Migranten an ihre Familien in der Heimat machen in einigen Entwicklungs- und Schwellenländern bis zu einem Drittel des Bruttoinlandproduktes aus. Ohne die Verwandten im Ausland würde in einigen dieser Länder die Volkswirtschaft völlig zusammenbrechen. Denn durch die Familien der Migranten fliesst das Geld in die Wirtschaft der Empfängerländer.

Wenig für sich selbst

«Meine Söhne kaufen sich von dem Geld, das ich ihnen schicke, Dinge des täglichen Lebens», erklärt Lisa. Sie selbst hat sich mit ihren eigenen Träumen zurückgenommen, um jeden Monat die Hälfte ihres Gehalts nach Portugal überweisen zu können. Erst nach fast zwei Jahren Arbeit konnte sie sich in der Schweiz ein eigenes Auto leisten – einen gebrauchten Kleinwagen für 5‘000 Franken, abzuzahlen in monatlichen Raten.

65 Millionen Flüchtlinge und Migranten – ein gigantischer globaler Markt

Weltweit leben mehr als 65 Millionen Menschen als Flüchtlinge und Migranten, Tendenz steigend. Ein grosser Teil von ihnen schickt oder empfängt Geld. Die Anbieter von weltweiten Geldtransfers verdienen an den internationalen Geldströmen kräftig mit. Alleine der Branchenleader in Sachen Geldtransfer von Migranten, Western Union, verzeichnete letztes Jahr mehr als 230 Millionen Transaktionen rund um den Globus. Das entspricht rund 30 Transaktionen pro Sekunde.

Bei jeder Transaktion werden je nach Anbieter und Destination im Schnitt rund neun Prozent Provision fällig. So betrug der Umsatz allein bei Western Union im vergangenen Jahr mehr als fünf Milliarden Franken. Zusammengespart unter anderem von Menschen wie Lisa.

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