Wie tickt die Schweiz?

Mit «Gebrauchsanweisung für die Schweiz» schrieb Thomas Küng ein Buch, welches Einwanderern in die Schweiz helfen soll, sich zu integrieren. Auch die deutsche Familie Helm aus der der Serie «Grüezi Schweiz» verliess sich auf den einen oder anderen Tipp. Thomas Küng im Interview.

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Mentale Vorbereitung auf die Schweiz

1:50 min, vom 5.6.2015

SRF DOK: Herr Küng, was macht die Einwanderung in die Schweiz speziell?

Thomas Küng: Dass die Schweiz ein kleines Land ist, in dem schon geringe «Völkerwanderungen» wahrgenommen werden. Gleichzeitig ist die Schweiz Teil eines grösseren Gefüges (Schengen-Raum), das den freien Personenverkehr als Grundprinzip verankert hat. Da die Schweiz offenbar ein attraktiver Lebensraum ist, kommen mehr Leute, als gehen.

Vielen Einwanderern erscheint die Schweiz als Paradies mit hohen Löhnen und einem Lebensstandard, der seinesgleichen sucht. Ein Klischee?

Nein, das ist tatsächlich so – weil eben auch die Arbeitslosigkeit tief ist und sich auch nach einem Stellenwechsel leicht Arbeit finden lässt. Da steht die Schweiz ziemlich alleine da.

Kommen viele Einwanderer mit überzogenen Vorstellungen in die Schweiz?

Diesen Eindruck habe ich nicht. Zumindest nicht bei Europäern, die unsere Standards einschätzen können. Bei Einwanderern aus entfernteren Ländern kommt es sicher zu weit grösserer Ernüchterung.

Besonders Schweizer und Deutsche stossen immer wieder auf gegenseitige Vorurteile. Was ist dran – oder auch nicht?

Es gibt für Schweizer und Deutsche mehr Gründe und Möglichkeiten einander zu verstehen, als misszuverstehen. Da hilft sicher einmal die Sprache. Aber die bestehenden Vorurteile nähren sich aus Historischem und Medialem. So, wie die Schweizer die Deutschen aus der kriegerischen Vergangenheit kennen oder über die Medien wahrnehmen, sind die Deutschen eben nicht. Denn es gibt weder «die Deutschen», noch «die Schweizer». Vorurteile bilden sich oft über eine Masse und es ist ein individuelles Vergnügen, diese im direkten Kontakt abzubauen.

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Muratores wollen die Aufenthaltsbewilligung beantragen

2:42 min, vom 12.6.2015

In der Serie «Grüezi Schweiz – die Einwanderer» wird deutlich, dass die Einwanderer/innen einige Hürden überwinden müssen. Welches sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten?

Eine innere Hürde, die Deutsche in der Schweiz nehmen müssen, ist wohl die Erkenntnis, dass die Schweiz ein ganz anderes Land ist als Deutschland – und nicht nur ein kaum bekanntes, exotisches, deutsches Bundesland. Wenn man aber in einem fremden Land ist, dann hilft die Bereitschaft, es verstehen zu wollen. Wenn die Einwanderer im Wissen kommen, vieles noch nicht zu wissen, dann ist die wichtigste Hürde genommen.

Wie gewinnt man die «Schweizer Seele»?

Wahrscheinlich ist die «Schweizer Seele» so einfach gestrickt, wie alle anderen Seelen auch. Und Seelen erobert man häufig über echtes Interesse und ehrliche Komplimente. So gilt auch in der Schweiz, was auf Reisen grundsätzlich gilt: zuhören hilft.

«  Was viele Deutsche überrascht: Mit adeliger Herkunft oder dem Verweis auf den Hintergrund eines jahrhundertealten Rittergeschlechts, punktet man hier nicht. »

Welches sind die absoluten «No-Gos»?

Arrogante Belehrungen mag eigentlich niemand. Da sind die Schweizer keine Ausnahmen. Was viele Deutsche überrascht: Mit adeliger Herkunft oder dem Verweis auf den Hintergrund eines jahrhundertealten Rittergeschlechts, punktet man hier nicht. Auch zur Schau gestellte Titel (auch Doktor – es sei denn, man ist Arzt) kommen in der Regel schlecht an.

Hätten sie ein paar Tipps, wie Einwanderer die häufigsten Fettnäpfchen vermeiden können?

Die Schweizer haben in der Regel ein feines Sensorium für Sprache, Akzente, Dialekte, Wortwahl. Daraus lesen sie Herkunft, Status, Selbstverständnis. Da man sich hier auf eine gewisse Zurückhaltung verständigt hat, kommt ein Deutscher schlecht an, wenn er an einer Theke sagt: «Ich bekomm 'ne Cola!» Die Schweizer erwarten auch von Deutschen eher «Ich hätte gerne eine Cola.» Und: Wenn Deutsche von «Fränkli» sprechen, findet man das hier nicht lustig. Von «Fränkli» redet keiner – ausser den Deutschen, die das noch nicht wissen.

Die Serie thematisiert mehrmals die Angst der deutschen Einwanderer, in der Schweiz nicht willkommen zu sein. Was ist dran?

Tatsächlich ist es so, dass «die Deutschen» «die Schweizer» grundsätzlich mehr mögen als umgekehrt. Das hat sicher mit den Grössenverhältnissen zu tun. Aber auch mit der Tatsache, dass die Schweizer sich mit der deutschen Sprache schwer tun und sich manchmal im Gespräch mit Deutschen unwohl, wenn nicht gar überfordert fühlen.

Wie bekommt man ganz konkret am besten Kontakt zu den Schweizern?

Über Vereine, gemeinsame Aufgaben, ähnliche Neigungen. Je intensiver und regelmässiger der gemeinsame Kontakt ist, der nicht unbedingt sofort in Freundschaft umgewandelt werden muss, desto stabiler und anhaltender gelingt die Integration.

Zur Person

Zur Person

Thomas Küng, 1956 in Zürich geboren, ist Journalist, Autor und Unternehmer. Sein Buch «Gebrauchsanweisung für die Schweiz» wurde über 120‘000 mal verkauft.

«Grüezi Schweiz»

«Hindernisse in der neuen Heimat», Freitag, 12. Juni 2015, 21.00 Uhr, SRF 1

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