Backstage Vom Lobesmail zum «Kulturplatz»-Beitrag

Martin Eggenschwyler berichtet von einem eindrücklichen Treffen mit einer Zuschauerin. Ihre Ideen und Geschichten – inspiriert vom «Kulturplatz» – waren so mutig und gut, dass Eggenschwyler beschloss, die junge Zuschauerin zu unterstützen.

Porträt von Marin Eggenschwyler, Redaktionsleiter Kulturplatz

Bildlegende: Martin Eggenschwyler, Redaktionsleiter «Kulturplatz» SRF

«Kompliment für Ihre tolle Sendung! Ich gehöre zu den begeisterten und sehr treuen Zuschauern von ‹Kulturplatz›.» Jaja, denke ich. Natürlich lese ich das gerne, doch leise glimmen die Warnlampen. Denn meistens folgt auf solch ein Kompliment die unverblümte Forderung nach Berichterstattung über ein Event des Absenders.

«  Doch dieses Lobesmail war anders: Lea Suter wollte Tipps vom «Kulturplatz». »

Die 32-Jährige wollte mir ihr Friedensprojekt vorstellen – und sich beraten lassen, wie sie es medial aufsetzen soll. So reiste sie eigens von Genf an, für eine halbstündige Besprechung. Und fuhr danach wieder nach Genf zurück. Lea Suter hörte genau zu, stellte die richtigen Fragen. Die Idee ihres Projektes «Peace Prints»: durch positive Nachrichten aus dem Kulturbereich in Krisenregionen zum Frieden beitragen. 12 Videoblogs über 12 Projekte in einem Jahr. «Ist das nicht etwas naiv, Frau Suter?»

Für die Antwort liess sie sich Zeit. Sie sei überzeugt, dass das Positive das Positive anziehe. «Ich möchte auf mein Leben zurücksehen und feststellen können, dass ich nicht nur grosse Ideen gedacht, sondern auch kleine Ideen umgesetzt habe.»

«  Peng. Ich war beeindruckt. »

Da verlässt eine junge Frau, die jahrelang bei der UNO in Genf gearbeitet hat, ihren Job beim aussenpolitischen Thinktank Foraus, um auf eigene Faust etwas zum Frieden beizutragen. Da fasste ich einen Entschluss: «Kulturplatz» wird Lea Suter bei ihrem Friedensprojekt begleiten. Voraussetzung ist ein überzeugendes Vorhaben in einem relativ sicheren Land. Und ein Redaktor, der selber filmt, denn sonst wirds zu teuer.

Doch das Theaterprojekt mit Flüchtlingen in Tessaloniki lässt sich nicht auf die Schnelle realisieren. Da tut sich etwas Neues auf. «Du fährst als Videojournalist in den Libanon.» Unser Redaktor Igor Basic lacht … und erschrickt ob der Reisewarnung des EDA: «Von Reisen in einzelne Landesteile wird abgeraten.»

Video «Neuer Frieden – Lea Suter verbreitet gute News aus Krisengebieten» abspielen

Neuer Frieden – Lea Suter verbreitet gute News aus Krisengebieten

5:55 min, aus Kulturplatz vom 4.1.2017

Doch SRF-Nahostkorrespondent Pascal Weber – damals gerade in der Gegend von Aleppo mit kugelsicherer Weste unterwegs – relativiert die Warnung. Das Gespräch mit Weber bringt Klärung und eine Menge praktischer Tipps.

Bei der Konzeptbesprechung wird schnell klar, dass wir bei diesem Beitrag den Prinzipien des «constructive journalism» folgen wollen. Der dänische Nachrichtenprofi Ulrik Haagerup schrieb 2015 ein Plädoyer für «konstruktive Nachrichten», wie er sie nennt: Beiträge, die ein Problem nicht nur schildern, sondern auch einen Ausweg aufzeigen. So sollen sie Hoffnung und Inspiration vermitteln. «Sie zielen auf eine bessere Zukunft», schreibt Haagerup.

Im Libanon entwickeln sich die Dinge – mit einem gewissen Chaosanteil – gut für Lea Suter und ihr Projekt. Sie startet ihren Blog, und Igor Basic bringt eine eindrückliche Reportage mit nach Hause.

«  Wir eröffnen mit Lea Suters «Peace Prints» den ersten «Kulturplatz» im 2017, setzen damit ein programmatisches Zeichen. »

Auch online dreht die Geschichte sehr gut. Ein Erfolg auf der ganzen Linie.

Was wir daraus lernen? Nur dank gewissen Voraussetzungen kann sich solch ein Projekt so gut entwickeln. Es lohnt sich, dies kurz anzuschauen:

Am Anfang steht die auffällig inszenierte Sendung «Kulturplatz» mit ihrer eigenen Bildsprache. Diese Marke inspiriert eine junge Frau. Daraus entwickelt sich ein Dialog, zwischen Publikum und Redaktion, der zu einer Beitragsidee führt. Dank der Hilfe des SRF-Korrespondenten vor Ort wird die Idee konkret. Und dank der Stageausbildung bei SRF kann der TV-Journalist neben seinem publizistischen Job auch die Kamera selber bedienen. Markenpflege, Korrespondentennetz und Ausbildung sind dauerhaft wiederkehrende Investitionen in die Qualität des Journalismus.

Eine Selbstverständlichkeit? Das finde ich nicht. Ich halte es für ein grosses Privileg, für ein unabhängiges Medium arbeiten zu können, das uns diese Art von Engagement ermöglicht. Damit wir den Gebührenzahlenden solch neue und positive Geschichten erzählen können. Lea Suter hat Recht: Das Positive zieht das Positive an.

PS:
Buchtipp: Ulrik Haagerup, «Constructive News», Edition Oberauer, 2015

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