Backstage Warum wir auf einem Schatz sitzen

Ein verstaubtes Archiv «unten im Keller» – davon ist das grösstenteils digitalisierte SRF Archiv weit entfernt. Immer wieder teilt SRF Archivperlen der Schweizer Radio- und TV-Geschichte via Social Media. Welche haben besonders viele Likes erhalten? Dokumentalistin Vanessa Freudrich verrät es.

Freudrich am Arbeitstisch

Bildlegende: Dokumentalistin Vanessa Freudrich stellt Perlen aus dem SRF Archiv vor. SRF

Die Haare stehen mir jeweils zu Berge, wenn ich Kolleginnen oder Kollegen davon sprechen höre, dass sie ins Archiv «runtergestiegen» sind. Denn unser Archiv befindet sich längst nicht mehr nur im Keller: Wir haben heute den grössten Teil unserer Archivschätze digitalisiert – ein Prozess, den wir noch fortsetzen – um sie unserem Publikum zugänglich zu machen.

So, wie wir dies auf unseren SRF-Archiv-Kanälen auf Facebook und Youtube tun.

«  Dort zeigen wir einzigartige Inhalte aus früheren Radio- und TV-Zeiten. Und die Reaktionen der User sind eine wahre Freude!  »

Unser meistgesehenes Video «Kinderwünsche zu Weihnachten anno 1966» wurde 511ʼ400 mal aufgerufen, und es gab eine Vielzahl an Reaktionen: 3823 Kommentare, rund 19ʼ000 Likes, und rund 5400 Mal wurde das Video geteilt.

«  Faszinierend zu sehen, dass ein Video, in dem sich Kinder «es Häsli», «es paar Ski und Fingga», «Ski-Stegga» und «Päckli mit hufa Sacha» wünschen, so viele Menschen zum Teilen und Kommentieren animiert.  »

Oder wenn zum Video «Töffli-Boom» Fotos von «Sachs mit Seitenwagen», «Puch Maxi N und S», «Pony 503», «Garelli Bonanza 25» etc. gepostet werden und die Menschen schildern, welche Strecken sie damit bewältigt haben.

Interessant ist auch ein Blick auf die Demografie-Statistik: Die meisten Fans und interagierenden Personen unserer Facebook-Seite sind zwischen 25 und 34 Jahre alt.

«  Warum erreichen wir die Jüngeren mit altem Material?  »

Vielleicht, weil das Material uns in jeder Hinsicht zum Staunen bringt: ein Pfarrer, der das «Bravo» in seiner Gemeinde verbietet, Parkplatzanweiser auf Rollschuhen, Rauchen in den SRF-Studios, Trockenkurs für Autofahrer, Kühe auf Skiern

Oder vielleicht, weil längere Kamera-Einstellungen mit unschlagbaren Kommentaren bestückt sind, wie in einem Beitrag über tollkühne Autofahrer in den 60ern: «Das macht Spass. Dieses Fahren ist abwechslungsreich. Da schläft kaum jemand ein wie auf den langweiligen Autobahnen. Und wenn schon einer einschläft, dann wacht er mit Sicherheit nicht mehr auf.» Oder ein Beispiel aus dem «Freitagsmagazin» von 1961 über das Wellenbad Dolder: «Jedenfalls fragt man sich da oft, warum gewisse Frauen Wert darauf legen, gut angezogen zu sein. Gut ausgezogen wäre auch eine Kunst des guten Geschmacks. Nun ja, das Fleisch ist willig, aber der Geist ist schwach.»

«  So mussten wir uns auch der Frage eines Journalisten stellen, ob die sexistischen Beiträge repräsentativ für die damalige Arbeitsweise bei SRF seien.  »

Natürlich haben wir sie nicht gezielt aufgrund von Sexismus ausgewählt. Die Gesellschaft, das Gesellschaftsleben und die Art, wie darüber berichtet wird, haben sich über die Jahre stark verändert.

«  Wir möchten dies mit den Videos auf Youtube, Facebook und on air wertneutral abbilden und das Archivmaterial der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Denn es ist ein Stück unseres gemeinsamen Schweizer Kulturguts. »

So, und jetzt krabble ich wieder «runter ins Archiv», um die nächste Perle ans Licht zu bringen.

Ihr Themenvorschlag

Redaktion bei einer Besprechung

In der Rubrik «Backstage» schreiben SRF-Mitarbeitende über Erlebnisse aus ihrem Berufsalltag. Eine Übersicht aller Kolumnen finden Sie hier. Und worüber möchten Sie eine Backstage-Geschichte lesen? Schreiben Sie uns.