Die Geschichte des Pendelns

Vor hundert Jahren pendelte die ärmere Bevölkerung vom Land, um in den Städten zu arbeiten. Heute sind es vermehrt auch Menschen mit höheren Einkommen und besserer Bildung, die auf längeren Strecken zur Arbeit unterwegs sind.

Video «Die erste Pendlerstudie von 1910» abspielen

Die erste Pendlerstudie von 1910

0:40 min, vom 8.5.2017

SRF Heimatland: Wann wurde das Phänomen des Pendelns zum ersten Mal statistisch erfasst und wieso?

Georges-Simon Ulrich: Erstmals erfasste man die Pendler bei der Volkszählung 1910. Und da stellte man fest, dass es verschiedene Strömungen gibt: Wohin gehen die Menschen zum Arbeiten, woher kommen sie und was arbeiten sie. Das interessierte auch den Staat.

Was waren damals die Hauptergebnisse?

Man stellte fest, dass in den ländlichen Gebieten rund zehn Prozent der arbeitenden Bevölkerung pendelte. Und zwar in die Stadt, um dort zu arbeiten.

Der Grund dafür war das teure Leben in der Stadt. Die Leute konnten sich dort die Wohnungen zunehmend nicht mehr leisten, zogen aufs Land und gingen zurück in die Stadt zur Arbeit. Diese Leute waren weniger gut gebildet und hatten dementsprechend tiefere Einkommen. Gleichzeitig erzeugte diese Erkenntnis auch politischen Druck, denn man wollte keine Ghettos.

Was weiss man denn über die Art des Pendelns?

Mit dem Bedarf zu pendeln, begann auch der Ausbau der Infrastruktur. Das Tram war zum Beispiel eine sehr wesentliche Erfindung dieser Zeit und hat das Pendeln überhaupt erst ermöglicht.

Heute erheben wir regelmässig die Gründe, warum mit welchem Verkehrsmittel gependelt wird. So hat sich gezeigt, dass sich die Gründe fürs Pendeln teils verändert haben. Auch die Transportmittel haben sich wesentlich geändert. Das Aufkommen des Autos hatte natürlich einen wesentlichen Einfluss.

Wenn man die Ergebnisse von 1910 mit den heutigen Ergebnissen vergleicht, was sticht ins Auge?

Da gibt es einige Veränderungen, die sehr interessant sind. Heute legen Menschen mit höheren Einkommen, die besser gebildet sind, die längeren Strecken zurück. Jeder fünfte reist auch ausserhalb seines eigenen Kantons.

Es sind neu 66 Prozent der Berufstätigen, die pendeln. Das ist relativ viel im Vergleich zu den 10 Prozent im Jahr 1910. Aber die Infrastruktur hat sich auch tiefgreifend verändert. Früher kam man in einer Stunde nicht sehr weit. Heute kommt man in einer Stunde ohne Problem von Zürich nach Bern. Jedoch: Wenn man von Zürich nach Adliswil reist, hat man möglicherweise länger. Die Art des Verkehrsmittels und die Dichte des Fahrplans spielen eine grosse Rolle.

Video «Pendeln ist kein Phänomen von heute» abspielen

Pendeln ist kein Phänomen von heute

1:09 min, vom 11.5.2017

Zur Person

Zur Person

Georges-Simon Ulrich ist seit Oktober 2013 Direktor des Bundesamtes für Statistik in Neuchâtel.

SRF Archiv

SRF Archiv

Eine Nation wird zu Pendlern. Zum Hintergrund.

Sendung zu diesem Artikel