Wir Pendler «Wohn- und Arbeitsort sollten näher zusammenrücken»

Werden die Pendlerzüge der Zukunft noch voller? Die Staus noch länger? Und wie verändern neue Technologien den Schweizer Pendlerverkehr? Verkehrsplanerin Fabienne Perret im Gespräch.

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Ist Pendeln zu billig?

1:26 min, vom 5.5.2017

SRF Heimatland: Sie sind Verkehrsplanerin und selbst Pendlerin. Ist das für Sie eher Lust oder Last?

Fabienne Perret: Es kommt darauf an, wie man Pendeln definiert. Ich wohne in der Stadt Zürich, in Oerlikon und arbeite beim Bahnhof Stadelhofen. Daher reise ich täglich vom Norden in den Süden der Stadt. Ich mache das bei schönem Wetter mit dem Velo, bei schlechtem mit dem Zug. Das ist für mich eine Distanz, die sehr angenehm ist und die mit dem Velo machbar ist. Viel weiter möchte ich nicht pendeln, musste das aber auch noch nie.

Es gibt immer grössere Pendlerströme. Welche Möglichkeiten sehen Sie als Verkehrsplanerin diese Ströme besser zu lenken?

Die aktuelle Diskussion in der Verkehrsplanung ist, dass man versucht, die Spitzen zu brechen. Wir dimensionieren derzeit unsere Verkehrsströme für zweimal eine Stunde pro Tag, am Morgen und am Abend. Über den Tag sind sie nicht so stark ausgelastet.

Man versucht im Moment Massnahmen zu ergreifen, sprich flexiblere Arbeitszeiten und Home-Office zu ermöglichen. Damit nicht alle um acht Uhr morgens vor Ort sein müssen. Diesbezüglich gibt es auch Diskussionen mit Schulen, die Unterrichtszeiten flexibler zu gestalten. Es gibt sehr viele Bemühungen, diese Spitzen zu brechen, damit wir unser eigentlich gutes Verkehrssystem, sowohl auf der Strasse, wie auf den Schienen, besser ausnutzen können.

Eine weitere Möglichkeit sind zum Beispiel Mobilitätsplanungs-Apps, die aufzeigen, welches Verkehrsmittel momentan am schnellsten ist, so kann man Verkehrswege optimieren. Wir können heute auch vermehrt Echtzeitdaten nutzen, um festzustellen wo es staut, welche Abfahrtszeiten idealer wären und wie man schneller ans Ziel kommt.

Preise sind in der Mobilitätsfrage heiss diskutiert. Für die einen sind sie zu hoch, für andere zu tief. Wie sehen Sie das?

Wenn man einen Pendler von seinen täglichen Pendel-Gewohnheiten wegbringen will, kann das übers Portemonnaie funktionieren. Aber nicht einfach nur via Bestrafung für Langpendler oder Stosszeitenpendler, sondern auch via Belohnung oder Anreiz fürs Pendeln während anderen Zeiten, auf anderen Wegen oder mit anderen Verkehrsmitteln.

Insgesamt glaube ich aber, dass bei uns in der Schweiz der Leidensdruck beim Pendeln noch nicht so gross ist. Denn wenn es tatsächlich so mühsam wäre, würden die Menschen verstärkt nach anderen Strategien suchen. Wir sind Gewohnheitstiere, die ihr Verhalten erst ändern, wenn es zu teuer wird, der Zeitverlust zu gross ist und damit der Stress steigt. In der Schweiz sind wir wohl noch nicht an diesem Punkt, ansonsten würde das System selbst anfangen, sich etwas auszutarieren.

Wie sehen Sie als Verkehrsplanerin die Zukunft des Pendelns?

Mit dem befassen wir uns tagein, tagaus. Die Rede ist vom automatisierten Fahren, das ist in aller Munde. Wir glauben, dass die Technik sehr bald so weit ist, um dies auch im täglichen Betrieb umzusetzen. Wie sich das aber anfühlen und entwickeln wird, ist vollkommen davon abhängig, wie die Rahmenbedingungen ausgestaltet werden. Es ist sehr schwierig eine Prognose zu machen, denn noch ist ja überhaupt nicht klar, welche Rolle der Staat einnimmt, welche Anreize er setzt, welche Regeln er aufstellt.

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Wunschszenario des Pendelns

1:09 min, vom 5.5.2017

Wie sieht Ihr Wunschszenario für die Zukunft aus?

Mein Wunschszenario wäre, dass alle so funktionieren können, wie ich – dass niemand so lange Arbeitswege hat. Ich weiss, dass noch viele andere Faktoren eine Rolle spielen. Aber eine längerfristige Vision müsste sein, dass Arbeits- und Wohnort näher beieinander liegen, so dass man nicht jeden Tag so lange Distanzen zurücklegen muss. Die Hoffnung wäre, dass die Menschen entspannter ihren Arbeitsweg antreten könnten.

Zur Person

Zur Person

EBP

Fabienne Perret ist Verkehrsplanerin und Teamleiterin bei EBP, einem wirtschaftlich und fachlich unabhängigen Unternehmen, das nach Lösungen für die zentralen Herausforderungen des intensiv genutzten Lebensraumes sucht. Bald wird sie auch Teil der Geschäftsleitung sein.

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