«Die Scheintoten» von Hermann Burger

Er war der unbestrittene Spezialist für seelische Abgründe und den Aberwitz des Daseins an sich: der Aargauer Schriftsteller Hermann Burger. Selbstmörder und Depressive sind Stammgäste in seinem radikal surreal gestalteten Kosmos, der immer auch der Schweiz als geschlossener Anstalt gleicht.

Eine mit kaltem Licht beleuchtete Unterführung mit einer aufwärts führenden Treppe am Ende.
Bildlegende: «Die Scheintoten» – das unspielbare Stück von Hermann Burger – als Hörspiel vertont. Colourbox

Hermann Burgers Themen waren die drei C: das Cemetrische, das Circensische und das Cigarristische. Das erste C (Cementrium, Friedhof) steht für das Thema, welches Burger dauernd beschäftigte: den Tod. Das Circensische weist auf den Spieler Burger: auf den Zauberer, den Ferrari-Fahrer und Bobpiloten und nicht zuletzt auf den (verzweifelten) Humoristen. Das Cigarristische meint den passionierten Cigarren-Raucher, den Connaisseur und Geniesser, den Schlossbewohner, der eigentlich schrieb, um - so sagt es Burger im Hörspiel - seine Kindheit zu Ende zu rauchen.

Ende Februar 1989 nahm sich Hermann Burger das Leben. Das Stück «Die Scheintoten» schrieb er eineinhalb Jahre vor seinem Tod im Auftrag des Zürcher Schauspielhauses. Es gilt als unspielbar und wurde bis heute nie aufgeführt. Fritz Zaugg hat aus dem ausufernden Material Szenen herausgelöst, neu arrangiert und sie zu einer Hörspiel-Collage montiert.

Inhaltlich ist es ein ganzer Burger, die drei C's kommen voll zur Geltung. Mit beissender Komik und Tragik erzählt das Stück vom dilettantisch ausgeführten Selbstmord des Schriftstellers Stocker, der nun als Scheintoter weiterleben muss, und zwar in der «Kalten Herberge». Sie liegt unter dem Zentralfriedhof und ist eine Mischung aus Metro-Station, Stundenhotel und Klinik. Die Gräber sind durch ein Achterbahnschienensystem mit einem Mundloch verbunden, durch welches die Scheintoten in diese Unterwelt gelangen. Sie werden von Primarius Schrempf und seiner Assistenzärztin reanimiert und definitiv einquartiert. Herrscherin über diesen Betrieb ist die Urmutter Melitta mit ihrem «Weiberwissen». Alle Gäste haben das Leben hinter sich und das Scheintotenschickal in sich und vor sich. Alle spielen in dieser Groteske dabei ihr Leben weiter, da sie sonst nichts anderes können: der Pfarrer, der Ferrari-Crack, der Klaviervirtuose, die Comtessa, der Zauberer.

«Was immer Hermann Burger erzählt oder seine Personen erzählen lässt, er bietet uns stets eine kunstvolle Krankheitsgeschichte», schrieb Marcel Reich-Ranicki.

Mit: Rosalinde Renn (Melitta), Michael Maassen (Stocker), Klaus Henner Russius (Primarius Schrempf), Barbara Falter (Thanata), Siegfried Meisner (Wermelinger), Jodoc Seidel (Umberer), André Jung (Frascati-San Remo), Nikola Weisse (Gräfin von und zu Kulessa). Dazu Hermann Burger im Originalton.

Musik: Emil Moser - Hörspiel-Bearbeitung und Regie: Fritz Zaugg - Produktion: SRF 1995 - Dauer: 49'

Redaktion: Reto Ott